«Wir verwandeln Forschungsergebnisse in ein Geschäftsmodell»
Seit Juni 2025 leitet Beat Weibel die Stabstelle ETH transfer. Was ihn an die ETH gebracht hat und wo er die Chancen bei der Verwertung von Forschungsergebnissen sieht, verr?t er im Interview.
Sie sind seit gut einem halben Jahr der Leiter von ETH transfer und somit für die Verwertung von Forschungsergebnissen verantwortlich. Was hat Sie an dieser Position gereizt?
Es waren zwei Gründe. Ich beginne mit dem famili?ren: Als ich 2013 eine Stelle bei Siemens in München antrat, blieb meine Familie in der Schweiz; ich war also Wochenaufenthalter. Als die Kinder allm?hlich auszogen, war auch meine Frau unter der Woche allein – in Zürich. Da sie als Sekundarlehrerin arbeitet, war klar, dass ich etwas ver?ndern musste, wenn sich unsere Situation ?ndern sollte. Als ehemaliger Dozent in der Weiterbildung war ich mit der ETH verbunden, und so erfuhr ich von der Stelle.
Und was war der zweite Grund?
Der liegt in der Aufgabe von ETH transfer, n?mlich Forschungsergebnisse zu verwerten. In einem ersten Schritt schützen wir die Ergebnisse durch Immaterialgüterrecht, um sie dann in einem zweiten Schritt zu lizenzieren, zu verkaufen oder in Spin-offs zu überführen. Ich hatte schon bei Siemens im Technologietransfer gearbeitet und grosse Freude daran, Patente in die Anwendung zu bringen. In einem Industriebetrieb werden Forschungsergebnisse allerdings nur im tiefen einstelligen Prozentbereich verwertet. An einer Hochschule, bei der es neben Forschung und Lehre um eben diesen Transfer geht, hat diese Aufgabe naturgem?ss einen v?llig anderen Stellenwert.
Beat Weibel leitet seit Juni 2025 ETH transfer und ist daneben zu zwanzig Prozent als Professor of Practice am D-GESS t?tig. Er studierte Elektrotechnik an der ETH Zürich und machte anschliessend ein Praktikum als Patentanwalt bei ABB. 1995 erwarb er die Zulassung als Europ?ischer Patentanwalt und schloss 2008 einen Studiengang in europ?ischem IP-Recht ab. Von 1998 bis 2000 leitete er die Abteilung Corporate IP bei der Georg Fischer AG und von 2000 bis 2007 die IP-Abteilung von ABB Schweiz. Anschliessend war er fünf Jahre als Chief IP Counsel von ABB Ltd. t?tig, bevor er 2013 nach München zog und die Leitung der globalen Abteilung Intellectual Property bei der Siemens AG übernahm. Daneben ist Beat Weibel ist seit vielen Jahren als Dozent für Patentrecht an verschiedenen Hochschulen t?tig und unterrichtet in Vorbereitungskursen für die Schweizer Patentanwaltsprüfung.
Haben sich Ihre Erwartungen bisher erfüllt?
Absolut. Die Themen sind extrem spannend und die Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, hochintelligent. Etwas überrascht war ich von der Breite der Technologien, die von Quantenphysik über Biotechnologie bis hin zur Landwirtschaft reichen. Ehrlich gesagt verstehe ich von all den Erfindungen, mit denen wir zu tun haben, maximal fünfzig Prozent. Doch genau das macht den Reiz aus.
Wie würden Sie die Rolle von ETH transfer beschreiben?
Vom Gesetzgeber haben wir den Auftrag, Forschungsergebnisse wirtschaftlich zu verwerten. Dafür brauchen wir Partner, weil wir als ETH bekanntlich kein privatwirtschaftliches Unternehmen sind. Um mit ihnen zusammenzuarbeiten, müssen wir die Ergebnisse zuerst rechtlich handhabbar machen, etwa mittels Patenten. Diese k?nnen wir dann lizenzieren oder in Spin-offs einbringen. Etwas weniger technisch ausgedrückt: Wir machen aus Erfindungen Innovationen. Das heisst, wir verwandeln Forschungsergebnisse in ein Gesch?ftsmodell. Dabei geniessen wir sehr viel Freiheit.
?Künftig m?chte ich mit meiner Gruppe aktiver auf Forschende zugehen, um gemeinsam mit ihnen verwertbare Ideen zu identifizieren.?Beat Weibel
Wie l?uft die Zusammenarbeit mit den Forschenden konkret ab?
Sehr unterschiedlich. Manche kommen mit klaren Verwertungsideen auf uns zu, andere haben weniger konkrete Vorstellungen. Dies ist eine Herausforderung, denn wir müssen Forschungsergebnisse schützen, bevor sie publiziert sind. Künftig m?chte ich mit meiner Gruppe aktiver auf Forschende zugehen, um gemeinsam mit ihnen verwertbare Ideen zu identifizieren. Dafür brauchen unsere Technologiemanager:innen Zeit. Aktuell bauen wir Ressourcen auf, damit sie sich st?rker mit den Forschungsgruppen vernetzen k?nnen.
Ist mit dem Stellenausbau die Erwartung verbunden, dass Sie auf der Verwertungsseite mehr Einnahmen erzielen?
Die Schulleitung hat mir bezüglich Einnahmen keine konkreten Vorgaben gemacht. Ich bin aber überzeugt, dass wir uns qualitativ verbessern k?nnen. Die Technologiemanager:innen haben eine wichtige Brückenfunktion zwischen Forschenden und Patentanw?lt:innen. Zentral ist, dass ein Patent das Richtige schützt. Es geht darum, zusammen mit den Forschenden die technologisch relevanten Unique Selling Propositions – also Alleinstellungsmerkmale – herauszusch?len. Diese sind die Grundlage für ein erfolgreiches Spin-off. Denn manch ein Jungunternehmen muss sein Gesch?ftsmodell aufgrund des Marktes ?ndern. Idealerweise umfasst der Schutz dann auch das neue Gesch?ftsmodell. Ein Beispiel dafür ist die Firma Verity, die mit Drohnenshows startete. Inzwischen werden die Drohnen in Warenlagern eingesetzt.
Gibt es weitere Ver?nderungen, die Sie anstossen wollen?
Ich m?chte die Grundlage dafür schaffen, dass wir den Schutz gewisser Patente l?nger gew?hrleisten k?nnen. Zurzeit l?sst die ETH ihre Patente meist nach dreissig Monaten fallen, wenn sie bis dahin nicht verwertet wurden. Das ist für Technologien mit l?ngerfristigen Horizonten wie Quantencomputing oder Pharmazeutika jedoch nicht geeignet. Finanzieren m?chte ich den l?ngeren Schutz mit einem Teil unserer Einnahmen aus Patenten. Patentierung ist eine Investition.
Wie sind die Rechte zwischen ETH, Forschenden und Studierenden geregelt?
Wer an der ETH angestellt ist, tritt seine oder ihre Rechte ab, wird aber zu einem Drittel am Verwertungserl?s beteiligt. Erfindungen von Studierenden geh?ren ihnen grunds?tzlich selbst, solange sie nicht angestellt sind oder in Industrieprojekten arbeiten. Dieses System schafft Anreize und ist fair.
Neben Ihrer Aufgabe als Leiter von ETH transfer unterrichten Sie auch als Professor of Practice. Worum geht es in Ihrer Lehre?
Ab diesem Frühjahrssemester werde ich einen Blockkurs für Doktorierende zu den Grundlagen im Immaterialgüterrecht und den strategischen Einsatz bei Spin-off-Gründungen anbieten. Mein Anliegen ist es, früh ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie man Ideen schützt und strategisch verwertet. Das erg?nzt unsere Arbeit bei ETH transfer ideal.
ETH transfer - IP & Lizenzierung schützt geistiges Eigentum und verhandelt Lizenzvertr?ge mit Dritten. Aus den Forschungsgruppen der ETH Zürich gehen j?hrlich 130 bis 150 Anmeldungen für Patentschutz ein. Rund zwei Drittel davon führen zu einer Patentanmeldung, wobei die H?lfte der Erfindungen aus Kooperationen mit Industriepartnern stammen und von diesen angemeldet werden. ETH transfer l?sst rund 40 bis 50 Forschungsergebnisse pro Jahr patentieren.
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