Drei neue Forschungsschwerpunkte für die ETH Zürich

Wie und wo entsteht Leben im Weltall? Wie lassen sich physikalische Ph?nomene mit h?chster Pr?zision messen? Wie geht die Schweiz mit zunehmenden Klima- und Wetterextremen um? Antworten darauf suchen drei neue Nationale Forschungsschwerpunkte, die die ETH Zürich mit Partneruniversit?ten zugesprochen erhalten hat.

Schweizer Hitzewelle bei LAC DE BRENETS
Im Sommer 2022 trocknete der Lac des Brenets an der franz?sisch?schweizerischen Grenze aufgrund geologischer Verwerfungen, geringer Niederschl?ge und Hitzeperioden aus. Da extreme Wetterereignisse weiter zunehmen, werden Forschende untersuchen, wie die gesellschaftliche Resilienz zu st?rken ist.  (Bild: Fabrice Coffrini / AFP, Keystone)

In Kürze

  • Der Bund bewilligt sechs neue Nationale Forschungsschwerpunkte (NFS). Diese Programme st?rken langfristig zentrale Schlüsselforschungsgebiete in der Schweiz.
  • Die ETH Zürich leitet mit ?Genesis?, ?Precision? und ?CLIM+? drei der sechs bewilligten NFS und sieht darin eine grosse Chance für Ausbildung, Spitzenforschung sowie den Wissenstransfer in Wirtschaft und Gesellschaft.
  • ?Genesis? untersucht die Entstehung des Lebens als schrittweisen ?bergang von unbelebter Materie zu Organismen. ?Precision? entwickelt neue licht- und quantenbasierte Technologien für hochpr?zise Messungen. ?CLIM+? erarbeitet Ans?tze, um den gesellschaftlichen Umgang mit zunehmenden Klima- und Wetterextremen resilienter zu machen.

Für insgesamt sechs neue Nationale Forschungsschwerpunkte (NFS) hat der Bund die F?rderung bewilligt. Ganze drei der neuen NFS werden von der ETH Zürich geleitet: ?Genesis? zusammen mit der Universit?t Lausanne, ?Precision? zusammen mit der Universit?t Basel sowie ?CLIM+? zusammen mit der Universit?t Bern.  

Nationale Forschungsschwerpunkte sind ein langfristiges F?rderinstrument des Bundes und des Schweizerische Nationalfonds. Sie schaffen die Voraussetzungen, damit Forschende in der Schweiz die – für neue Forschungsgebiete – ben?tigten Lehr- und Forschungsstrukturen aufbauen und sich schweizweit vernetzen k?nnen. Diese Forschungsnetzwerke werden jeweils von einer oder zwei Heiminstitutionen geleitet, die ihrerseits substanzielle Eigenmittel beisteuern. 

Für die Startphase von 2026 bis 2029 stellt der Bund pro NFS rund 17 Millionen Schweizer Franken bereit: Exakt sind es 16,99 Mio. für ?Genesis?, 16,97 Mio. für ?Precision? und 16,88 Mio. für ?CLIM+?. Inklusive der Eigenmittel der Hochschulen belaufen sich die Gesamtbudgets auf 37,94 Mio. Franken für ?Genesis?, 36,01 Mio. Franken für ?Precision? und 32,55 Mio. Franken für ?CLIM+?. Die maximale Laufzeit eines NFS betr?gt zw?lf Jahre. 

Von unbelebter Materie zu lebendigen Organismen 

Wie beg???ann das? Leben? auf der Erde?? Sind wir allein im Universum oder ist es voller Leben? Was die Fantasie vieler Menschen beflügelt, ist zugleich eine ernsthafte wissenschaftliche Fragestellung und der Ausgangspunkt des Nationalen Forschungsschwerpunkts ???Genesis???, den der ETH-Physiker und Nobelpreistr?ger Didier Queloz leitet (vgl. Box). 

?Genesis? vereint mehr als 100 Forschende aus allen Landesteilen und schl?gt eine Brücke zwischen Biologie, Chemie, Astrophysik sowie den Erd- und Planetenwissenschaften. Der Ansatz hier ist: Der Ursprung des Lebens wird nicht als pl?tzlicher Zufall verstanden, sondern als schrittweiser Prozess. Die Forschenden untersuchen, wie planetarische Bedingungen dazu führen, dass sich aus unbelebten Bausteinen funktionierende biologische Systeme bilden??, bis letztlich lebende Organismen entstehen. 

verschiedene Steine in einem flachen Gebiet
Moderne Stromatolithe in der Laguna Negra, Argentinien. Stromatolithe – geschichtete Gesteinsstrukturen, die von komplexen mikrobiellen Gemeinschaften aufgebaut werden – stellen die frühesten fossilen Zeugnisse des Lebens auf der Erde dar. Einige Formationen sind über 3,5?Milliarden Jahre alt.  (Bild: Sylvie Bruggman / Universit?t Lausanne)

Ziel der Forschenden ist es, diesen ?bergang zu verstehen. Der Vergleich mit anderen potenziell bewohnbaren Planeten soll zeigen, welche biochemischen Prozesse und welches Zusammenspiel von Umwelt und Organismen ??Leben erm?glichen – und weshalb sich ausgerechnet auf der Erde eine so grosse Vielfalt entwickelt hat. Eine Schlüsselfrage betrifft dabei ??die ?folgende ?Wechselwirkung: Welche Umweltbedingungen lassen Evolution zu und wie ver?ndern Lebensformen ihrerseits den Planeten? 

Um Biosignaturen – also Spuren von Leben – im All zu finden, verknüpfen die Forschenden unterschiedliche Methoden. Dazu z?hlen chemische Laborexperimente, die die geologischen Bedingungen der frühen Erde nachbilden, ebenso wie Hochleistungs-Teleskope und neue Fernerkundungstechnologien, um potenziell belebte Exoplaneten aufzufinden. ?Die n?chsten zehn Jahre dürften entscheidend sein, um besser zu verstehen, wie aus unbelebter Materie die ersten lebenden Zellen hervorgingen?, sagt Didier Queloz, der seit ?2022? das Centre for Origin and Prevalence of Life (COPL) der ETH Zürich leitet. ?Es w?re wunderbar, wenn wir diese wichtigen Erkenntnisse hier in der Schweiz gewinnen k?nnten.? Die neuen Erkenntnisse zu diesen existenziellen Fragen dürften speziell auch den Dialog mit der ?ffentlichkeit bereichern. 

An der Schwelle zur Revolution der Genauigkeit 

grünes photonisches Gerät
Ein photonisches Ger?t: Eines der Ziele des NCCR ?Precision? ist die Entwicklung lichtbasierter photonischer Technologien zur weiteren Erh?hung der Messgenauigkeit – wie zum Beispiel der auf dem Bild gezeigte OnChipResonator.  (Bild: Sophie Cavallini / ETH Zürich)

Ungel?ste R?tsel birgt auch die Welt der Grundlagenphysik. Fortschritte in der Physik h?ngen stark davon ab, was sich messen l?sst – und mit welcher Genauigkeit. Vor gut hundert Jahren formulierten Physiker:innen und Mathematiker:innen die Theorie der Quantenmechanik, mit der sich diese verborgene Welt der mikroskopisch kleinen Teilchen beschreiben l?sst. 

Heute ist die Forschung deutlich weiter: Sie kann inzwischen das Quantenverhalten von Elementarteilchen, Atomen und sogar gr?sseren Objekten beeinflussen, Quantenzust?nde erzeugen und stabil halten. Dieses Wissen bildet eine Basis für neuartige Messtechnologien mit bislang unerreichter Pr?zision.  

Solche Pr?zisionsmessungen, die auf Quantentechnologien oder lichtbasierten, photonischen Technologien beruhen, erm?glichen der Forschung einen neuen Blick auf das Standardmodell der Teilchenphysik. Dieses Modell beschreibt das Universum bekanntlich unvollst?ndig. 

Pr?zisionsmessungen und die dafür eingesetzte Technologie stehen damit vor einem grundlegenden Umbruch. Diesen Wandel aktiv mitzugestalten, ist das Ziel des Nationalen Forschungsschwerpunkts Precision. Er vereint 32 Forschungsgruppen zwischen Zürich, Basel, Villigen, Bern, Neuenburg und Lausanne und bündelt experimentelle und theoretische Expertise aus Spektroskopie, Atom- und Molekülphysik, Optik und Sensortechnologie. 

Der NFS ?Precision? verfolgt vier Ziele: hochpr?zise Messungen an Atomen, Molekülen und Systemen mit Antimaterie, um neue physikalische Ph?nomene zu verstehen; hochpr?zise Messverfahren entwickeln, die mithilfe kontrollierter Quantenzust?nde funktionieren; Entwicklung lichtbasierter Photonik-Technologien zur weiteren Steigerung der Messgenauigkeit sowie die Entwicklung hochempfindlicher Sensoren auf der Basis von atomaren und Festk?rper-Systemen, um elektromagnetische Felder oder Gravitation pr?zise zu messen. 

Die Struktur des NFS wird die Grundlagenphysik und Sensortechnologien miteinander vereinen. ?Mit einem grossen, interdisziplin?ren NFS k?nnen wir die rasante Entwicklung der Pr?zisionsmessung mitgestalten?, sagt Jonathan Home, ETH-Professor für Experimentelle Quanteninformation, der den NFS ?Precision? leitet. 

Von der Statistik zur Storyline - Klimaschutz als Gesellschaftsprojekt

Ob Hitzewellen, Dürren, Starkregen oder Erdrutsche – zahlreiche extreme Klima- und Wetterereignisse treten seit einigen Jahren h?ufiger auf und fallen heftiger aus. Sie treffen die Schweiz besonders stark, schliesslich hat sie sich seit Beginn der Messungen rund doppelt so stark erw?rmt wie der globale Durchschnitt. Entsprechend gross sind die Herausforderungen dieser Entwicklung für die Schweiz.

Bei den gesellschaftlichen Risiken der Klima- und Wetterextreme setzt der Nationale Forschungsschwerpunkt ?NFS CLIM+? (Climate Extremes and Society: Strengthening Resilience) an. Er bringt 47 Schweizer Forschungsgruppen aus Klima-, Politik- und Gesellschaftswissenschaften zusammen. Ihr Ziel führt über den Nachweis physikalischer Zusammenh?nge hinaus: sie wollen tragf?hige L?sungen für einen wirksamen Klimaschutz erm?glichen und aufzeigen, wie die Schweiz künftig resilienter und krisenfester mit Extremereignissen umgehen kann. Im Fokus stehen dabei Schlüsselbereiche wie Gesundheit, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Logistik und das Finanzwesen.

Der NFS ?CLIM+? wird gemeinsam von der ETH Zürich und der Universit?t Bern geleitet. Die Co-Direktorinnen sind Sonia I. Seneviratne (ETH Zürich) und Karin Ingold (Universit?t Bern). ?Die vom Menschen verursachte globale Erw?rmung und die damit verbundene Klimakrise haben weitreichende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Da in den kommenden Jahrzehnten mit einer weiteren Zunahme von H?ufigkeit und Intensit?t extremer Wetterereignisse zu rechnen ist, müssen wir physikalische und sozialwissenschaftliche Perspektiven zusammenführen, um den Wandel unserer Gesellschaft hin zu einer resilienteren und sichereren Zukunft bestm?glich zu unterstützen?, sagt Sonia Seneviratne, ETH-Professorin für Land-Klima-Dynamik.

Methodisch beschreiten die Forschenden neue Wege: Die gesellschaftlichen Auswirkungen leiten sie nicht allein aus klimaphysikalischen Szenarien her: Sie erarbeiten gesellschaftliche Szenarien gemeinsam mit Anspruchsgruppen aus der Praxis. 

Daraus entstehen ?Storylines?, die reale Alltagsfragen aufgreifen: Was bedeutet extreme Hitze für den Bau und die Kühlung von Spit?lern? Wie ver?ndert sie den Arbeitsalltag des Pflegepersonals? Wie sehr gef?hrden extreme Temperaturen die Lieferketten auf Schiene und Strasse? Das Spektrum der untersuchten Fragen reicht dabei von Governance und Recht über ?konomie bis hin zur Klimakommunikation.

Um diese Szenarien so plausibel wie m?glich zu gestalten, baut der NFS ?CLIM+? auf neuesten Klimamodellen und Künstlicher Intelligenz auf, wie sie die Forschungsinitiativen EXCLAIM und Swiss AI Initiative entwickeln. Diese Technologien erlauben es, auch seltene, jedoch besonders folgenreiche Extremereignisse zu modellieren. Dreh- und Angelpunkt des NFS für den Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft wird dabei das neue Center for Climate Extremes and Resilience in Swiss Society (CERESS).

Ein starkes Signal und eine Chance für Talente 

Annette Oxenius, Vizepr?sidentin für Forschung der ETH Zürich, ist begeistert, dass die ETH Zürich gleich drei Forschungsschwerpunkt leiten darf: Die neuen NFS seien nicht nur wichtige Forschungsfelder, sondern auch eine grosse Chance für junge Talente. ?Mit den neuen Nationalen Forschungsschwerpunkten setzt der Bundesrat ein starkes Zeichen: der Umgang mit Klimaextremen, neue Hochpr?zisionstechnologien und die Erforschung, wie das Leben entstanden ist, sind Schlüsselthemen der Zukunft?, sagt Annette Oxenius. ?Der schweizweite Ausbau dieser Forschungsgebiete schafft langfristig weit mehr als bloss neues Wissen. Er erschliesst auch Innovationspotenziale für die Schweizer Wirtschaft und erweitert die Handlungsspielr?ume der Politik.? 

Leitungsteams der NFS

NFS ?Genesis? 

Direktor: Didier Queloz (ETH Zürich) 
Co-Direktorin: Johanna Marin Carbonne (Universit?t Lausanne) 
Stv. Direktor: Derek Vance (ETH Zürich) 
Stv. Co-Direktorin: Allison Daley (Universit?t Lausanne)

NFS ?Precision? 

Direktor: Jonathan Home (ETH Zürich)
Co-Direktor: Stefan Willitsch (Universit?t Basel)
Stv. Direktorin: Yiwen Chu (ETH Zürich) 
Stv. Co-Direktor: Philipp Treutlein (Universit?t Basel)

NFS ?CLIM+? 

Co-Direktorinnen: Sonia I. Seneviratne (ETH Zürich) und Karin Ingold (Universit?t Bern) 
Stv. Co-Direktoren: Olivia Romppainen Martius (Universit?t Bern) und David N. Bresch (ETH Zürich)
Website: externe Seite www.nccr-climplus.ch

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