Es braucht noch mehr «Speed»
Vor drei Jahren haben sich die Institutionen des ETH-Bereichs zusammengeschlossen, um in der Initiative Speed2zero die Dekarbonisierung der Schweiz aktiv voranzutreiben. Nun wird die Initiative beendet – Projektleiter Reto Knutti zieht Bilanz.??
Wer hatte die Idee zu Speed2zero und was war die Motivation?
Reto Knutti: Die Idee ist über Jahre gewachsen. Als Delegierter für Nachhaltigkeit habe ich immer wieder gemerkt: Wir haben enorm viel Wissen – aber es bleibt oft in einzelnen Disziplinen stecken. Mit Speed2zero wollten wir genau das ?ndern: Energie, Klima, Biodiversit?t und Netto-Null gemeinsam denken, und die Wissenschaft n?her an Gesellschaft und Politik bringen. Die Joint Initiatives des ETH-Bereichs haben uns dafür erstmals den n?tigen Spielraum gegeben.
Jetzt wird die Initiative abgeschlossen – was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
Es gibt viele, aber vor allem wurde deutlich: Die gr?ssten Hürden sind weder technischer noch finanzieller Natur. Die entscheidende Frage ist, was wir wo und wie umsetzen. Ein Beispiel: Wir wissen, wie man eine Windturbine oder Solaranlage baut, aber ist auch klar, wo man sie überall hinstellen kann, und wo sie am meisten bringen? Speed2zero hat es geschafft, wertvolle Tools bereitzustellen, wie den Swiss Solar Wind Explorer. Damit kann man Energieproduktion sowie Biodiversit?ts- und Landschaftsschutz r?umlich visualisieren, um geeignete Gebiete für Windturbinen oder Solaranlagen zu finden.
Was hat Sie am meisten überrascht?
Wie weit die Forschungsgebiete Energie, Klima, Biodiversit?t in manchen F?llen voneinander entfernt sind. Energiesystemmodelle zum Beispiel kennen keine Klimaextreme und keinen Klimawandel: Wir haben das erste Modell gebaut, das Versorgungssicherheit für extreme Wetterereignisse rechnen kann. Dass sich inzwischen auch Versicherungen dafür interessieren, zeigt, wie relevant solche Ans?tze sind.
Zur Person
Reto Knutti ist seit fast 20 Jahren Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Seine Arbeit befasst sich mit der Modellierung des Klimasystems und der Einordnung wissenschaftlicher Ergebnisse in gesellschaftliche und politische Kontexte.
Bei Speed2zero wurden bewusst Energie-, Klima- und Biodiversit?tsziele zusammen gedacht – ist das nicht eine zu grosse Aufgabe?
Das Projekt war ambitioniert – bewusst. Im Unterschied zu vielen klassischen Forschungsprojekten war bei Speed2zero nicht alles von Anfang an festgelegt. Forschung muss ergebnisoffen sein, wie bei Start-ups geh?rte Scheitern bei Speed2zero auch dazu. Es gibt also Teilprojekte, die jetzt schon unmittelbar einen Nutzen haben und andere, die wohl nicht zum Fliegen kommen.
Ein Ziel war unter anderem, Aktionspl?ne für Infrastruktur und Technologien auszuarbeiten – wie weit ist man da gekommen?
Aktionspl?ne ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Die Politik entscheidet am Ende, was gemacht wird. Aber wir k?nnen Hilfsmittel und Technologien bereitstellen, und das funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Die Empa hat einen D?mmstoff aus Pflanzenmaterial entwickelt. W?hrend bei der Herstellung herk?mmlicher D?mmmaterialen viel CO2 ausgestossen wird, bindet das neue Material CO2 sogar langfristig.
Bis 2050 soll das Netto-Null-Ziel erreicht werden – was konnte Speed2zero dazu beitragen?
Wir haben spannende Projekte realisiert, aber wir stehen am Anfang. Wichtiger, denke ich, ist, dass wir Netzwerke zwischen Gebieten, Institutionen und in die Politik und Wirtschaft aufgebaut haben. Wir verstehen heute schneller, wer worüber spricht.
Reicht das Tempo von Speed2zero aus oder sind wir angesichts der Klimakrise eigentlich schon zu sp?t dran?
Wir sind zu langsam unterwegs, das ist nicht neu. Der politische und gesellschaftliche Wille reicht derzeit nicht aus, und andere Themen wie Kriege, Geopolitik, Migration oder KI dominieren die Agenda. Resignation ist jedoch keine Option. Viele L?sungen sind zudem auch wirtschaftlich attraktiv: Wir verringern langfristig die Abh?ngigkeit von fossilen Energietr?gern aus dem Ausland, st?rken die einheimische Stromversorgung, f?rdern Innovation und steigern die Lebensqualit?t in der Schweiz durch saubere Luft, intakte ?kosysteme oder moderne Infrastruktur.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Joint Initiatives werden wegen Sparmassnahmen des Bundes leider nicht weitergeführt. Deshalb suchen wir neue Wege, um solche übergreifenden Projekte dennoch zu erm?glichen. Gleichzeitig müssen wir den Dialog mit der Politik intensivieren. Die neu gegründete Albert Einstein School of Public Policy bietet dafür einen wichtigen Rahmen – um Themen wie Klima, Energie und Biodiversit?t noch st?rker in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu verankern.