Wenn die Bevölkerung ihren Wohnort aktiv mitgestaltet

Das Spin-off Resilientsy unterstützt Gemeinden und Kantone dabei, ihre r?umliche Entwicklung strategisch zu steuern und nachhaltig umzusetzen. Und es zeigt Politikern und Grundstückeigentümerinnen, wie sie die richtigen Fragen stellen k?nnen.??

Eine Menschenmenge auf einem Trottoir in Basel
Spin-off-Gründerin Sibylle W?lty erkl?rt Interessierten auf geführten Gemeindespazierg?ngen, hier in Basel, was es für eine Zehn-Minuten-Nachbarschaft braucht.  (Bild: Miriam Lüdi / Sibylle W?lty)

In Kürze

  • Vor über zehn Jahren hat das Schweizer Stimmvolk Ja gesagt zu einer nachhaltigen Raumplanung – mit Entwicklung nach innen statt einer weiteren Zersiedelung.

  • Passiert sei seither aber noch viel zu wenig, sagt die Raumentwicklungsexpertin und ETH-Dozentin Sibylle W?lty. 

  • Ihr Spin-off Resilientsy hilft Planenden dabei, Verst?ndnis für die Verdichtung zu schaffen und sie voranzutreiben. 

Flawil, eine St. Galler Gemeinde mit rund 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, geht einen ungew?hnlichen Weg: Die Bev?lkerung wird aktiv in die strategische Planung der Ortsentwicklung eingebunden. In zwei Mitwirkungsveranstaltungen im vergangenen Herbst diskutierten die Flawiler:innen, wie sich ihr Wohn- und Arbeitsort künftig entwickeln k?nnte. Dies anhand von drei animierten Szenarien. 

Diese Visualisierungen stammen vom ETH-Spin-off Resilientsy, das 2023 von der Raumentwicklungsexpertin und ETH-Dozentin Sibylle W?lty gegründet wurde. Ziel des Spin-offs: Siedlungsentwicklung nach innen, also verdichtetes Bauen, voranzutreiben – pragmatisch und zielführend. 

Die Visualisierungen zeigen auf, wie durch sogenannte Zehn-Minuten-Nachbarschaften (siehe Box) L?den von Kundschaften in Gehdistanz profitieren, wie kürzere Alltagswege den Verkehr verringern und wie Wohnraum für kommende Generationen entsteht. Obwohl viele anfangs skeptisch waren: Am Ende entschied sich eine Mehrheit der Flawiler:innen für eine Entwicklung nach innen im Ortszentrum – und gegen eine weitere Zersiedelung der Gemeinde. 

Zehn-Minuten-Nachbarschaften 

Das Konzept der Zehn-Minuten-Nachbarschaften beschreibt ein Wohn- und Arbeitsumfeld mit einem Radius von 500?Metern. Innerhalb dieses Radius ist vieles erreichbar, was es im Alltag braucht: Jobs, Wohnraum, Detailhandel, Restaurants, Dienstleistungen, Freizeitangebote und gute ?V-Verbindungen. 

Voraussetzung dafür ist, dass innerhalb dieses Radius mindestens 15’000 Personen wohnen und arbeiten. Zudem sollte auf zwei Einwohnende ein Arbeitsplatz kommen. Das Resultat ist eine gesunde soziale Durchmischung, belebte ?ffentliche R?ume und ausreichend Wohnraum. 

?Wir h?ren oft, dass die Bev?lkerung keine Siedlungsentwicklung nach innen wolle?, sagt W?lty. ?In Flawil zeigte sich das Gegenteil: Menschen sind bereit, Ver?nderungen mitzutragen, wenn sie beteiligt werden und der Wandel nachvollziehbar wird.? 

Die Schweiz w?chst, aber die Planung hinkt hinterher 

Dass sich bei der Raum- und Siedlungsplanung in der Schweiz etwas ?ndern muss, ist im Gesetz verankert: Im Jahr 2013 sagte das Stimmvolk Ja zur Revision des Raumplanungsgesetzes – und damit zu einer Verdichtung nach innen.  

Seit der Abstimmung ist die Bev?lkerung um über eine Million Menschen gewachsen. Trotzdem wurde zu wenig Wohnraum im Bestand geschaffen. ?Statt die Zukunft zu gestalten, werden bestehende Strukturen verwaltet?, sagt W?lty. Die Folgen: steigende Mieten, l?ngere Wege, Siedlungsgebiete, die in die Breite wachsen, und Ortskerne, die an Attraktivit?t verlieren. 

Genau hier setzt Resilientsy an: Das Spin-off liefert fundierte Entscheidungsgrundlagen für Gemeinden, Kantone, Eigentümerschaften und die Bev?lkerung, um die Siedlungsentwicklung nach innen voranzutreiben. Es erarbeitet Szenarien, wie ein Gebiet aussehen k?nnte, wenn mehr Leute auf derselben Fl?che leben und dafür weniger neue Gebiete am Ortsrand erschlossen werden.  

Die Visualisierungen zeigen auch, was passiert, wenn sich am Bestehenden nichts ?ndert. ?Wenn ich nicht in Zentrumslage baue, hat das Folgen für die dortigen L?den und für die Menschen, die dann weiter pendeln müssen und im Stau stehen?, sagt W?lty. Resilientsy bietet auch Daten- und Rechtsanalysen, Beratung – zum Beispiel bei Zielkonflikten mit dem Denkmalschutz – und Schulungen zum Thema Innenentwicklung und Zehn-Minuten-Nachbarschaften.

Büro- und Wohnraum gleichzeitig planen 

Neben Projekten in einzelnen Gemeinden arbeitet Resilientsy auch auf kantonaler Ebene. Für den Kanton Luzern erarbeitete das Spin-off eine Wohnstrategie für den kantonalen Richtplan. Um die Politiker:innen und die Bev?lkerung direkt zu informieren, pr?sentierte der Kanton die Ergebnisse an ?ffentlichen Anl?ssen – mithilfe von anschaulichen Postern. 

Resilientsy begleitet auch Grundeigentümer:innen, um mehr Flexibilit?t und Sicherheit für zukünftige Entwicklungen zu schaffen und sensibilisiert sie für wichtige Fragen. So konnte auf einem Grundstück durch Anpassungen der Nutzungsplanung erreicht werden, dass mehr Nutzungsarten zul?ssig sind als zuvor. Das verschafft der Eigentümerschaft Rechtssicherheit und Planbarkeit für eine nachhaltige, vielf?ltige Entwicklung des Areals. 

Sibylle Wälty
M?chte Siedlungsentwicklung nach innen sichtbar, verst?ndlich und umsetzbar machen: Sibylle W?lty. (Bild: Sophie Stieger / Sibylle W?lty)

?Die Schweiz braucht Wohnraum dort, wo Menschen leben wollen und wo Infrastruktur bereits vorhanden ist?, erkl?rt W?lty. Wer Büros oder Zentrumsnutzungen zul?sst, müsse gleichzeitig Wohnraum mitplanen. Andernfalls entstehen Pendlerstr?me, unn?tige Kosten und unattraktive Ortskerne. Siedlungsentwicklung nach innen sei daher keine rein technische Aufgabe, sondern gesellschaftliche Verantwortung. Gemeinden, Kantone, Eigentümerschaften und die Bev?lkerung müssten heute die Rahmenbedingungen schaffen, damit die gebaute Umwelt langfristig funktioniert. 

Zur Person 

Sibylle W?lty war von 2016 bis Mitte 2025 Forschungsleiterin am ETH Wohnforum und lehrt heute als Dozentin an der ETH Zürich. Mit ihrem Wissenschaftskommunikationsprojekt Zehn-Minuten-Nachbarschaften tourt sie durch die Schweiz, um mit Menschen vor Ort über m?gliche Zukunftsszenarien ihrer Gemeinde zu diskutieren. Um ihre Forschung praktisch umzusetzen, gründete sie 2023 zusammen mit Miriam Lüdi das Spin-off ETH Zürich Resilientsy. 

Von der Forschung in die Praxis 

Als langj?hrige Forschungsleiterin am ETH Wohnforum erkannte W?lty, dass es nicht am Wissen, sondern an Instrumenten für die Umsetzung fehlt. Resilientsy schliesst diese Lücke. ?Wir bringen eine konstruktive Ver?nderung in jahrzehntealte Praxis.? 

Die Spin-off-Gründerin ist landesweit pr?sent, wenn es um die Themen Verdichtung und Zehn-Minuten-Nachbarschaften geht. Sie diskutiert im Schweizer Fernsehen, schreibt Meinungsbeitr?ge für Zeitungen und Blogs, organisiert Ausstellungen im Gartencenter oder im Gemeindehaus, leitet Podien, h?lt Referate am Fachkongress für die Shopping-Center-Industrie und geht mit der Bev?lkerung spazieren. ?Wenn man will, dass wissenschaftliche Erkenntnisse den Sprung in die Praxis schaffen, kommt man nicht darum herum, brauchbare praxisrelevante L?sungen zu finden und Menschen für ein Thema zu sensibilisieren.? 

Konkretere Fragen aus Planungskommissionen 

Raumplanung ist ein komplexes Thema. Das stellt W?lty beim Austausch mit der ?ffentlichkeit immer wieder fest. Verwaltung und Politik müssen nun Verantwortung übernehmen., sagt W?lty. ?Mit besseren ?V-Verbindungen kann man einfacher punkten als mit Eingriffen in die bestehende Siedlungsstruktur? betont sie.  

W?lty sieht aber auch, dass die vielen Auftritte, LinkedIn-Posts und Medienberichte zunehmend Wirkung zeigen. Von der Legislative und weiteren Entscheidungstr?ger:innen k?men heute andere, viel konkretere Fragen als noch vor ein paar Jahren. 

Das Mandat von Resilientsy in der Gemeinde Flawil lief Ende 2025 aus. Für die Gemeinde und die Bev?lkerung geht die Planung, wie im Dorf in Zukunft gelebt und gearbeitet wird, jetzt aber erst richtig los. L?uft alles wie geplant, soll die neue Ortsplanung bis 2029 rechtskr?ftig sein. Bis dahin wird Sibylle W?lty weitere Kantone, Gemeinden und deren Bev?lkerung dazu bewegt haben, die r?umliche Entwicklung künftig nachhaltiger umzusetzen. 

 

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