Lint Barrage, welche wirtschaftlichen Folgen hat der Klimawandel?
Der Klimawandel trifft nicht nur die Umwelt. Die ?konomin Lint Barrage untersucht, wie er die die Weltwirtschaft beeinflusst – und zeigt, dass die ?konomischen Risiken heute schon sichtbar sind.
Fast alles, was wir tun, produzieren oder konsumieren, wird durch das Wetter oder das Klima beeinflusst. Trotz unterschiedlicher Methoden und Annahmen, wie wir in Zukunft leben werden, ergeben Modelle wie das DICE-Modell, an dem ich mitarbeite, ein konsistentes Bild. Wenn wir auf dem aktuellen Kurs des Klimaschutzes bleiben, deuten die Projektionen auf ein Risiko erheblicher wirtschaftlicher Verluste bis Ende des Jahrhunderts hin. Im Durchschnitt sch?tzen wir diese auf fünf Prozentpunkte der globalen Wirtschaftsleistung pro Jahr. Zum Vergleich: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie führten zu einem globalen Einbruch von rund drei Prozentpunkten. Der Klimawandel k?nnte einen solchen Verlust Jahr für Jahr wiederholen und summieren.
Die Expertin
externe Seite Lint Barrage ist Professorin für Energie- und Klima?konomie an der ETH Zürich und betrachtet den Klimawandel aus einem finanziellen und volkswirtschaftlichen Blickwinkel. Sie untersucht, wie sich Klimarisiken, neue Energietechnologien und Nachhaltigkeitsbemühungen auf die Wirtschaft und das Leben der Menschen auswirken.
Der Durchschnittswert von fünf Prozent verschleiert jedoch die dramatische Ungleichheit. W?hrend einige Regionen und Sektoren auch Vorteile erwarten k?nnen – beispielsweise Ersparnisse bei den Heizkosten in der Schweiz –, stehen andere vor existenziellen Krisen. In Teilen Afrikas k?nnte die landwirtschaftliche Produktivit?t je nach Szenario um 40 Prozent oder mehr sinken. In L?ndern, in denen ein Grossteil der Bev?lkerung von der Landwirtschaft lebt, bedeutet das nicht nur einen ?konomischen Schaden. Es w?re eine humanit?re Katastrophe.
In den Standardmodellen sind viele Folgen des Klimawandels noch nicht enthalten, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Standardmodelle berücksichtigen meist nur temperaturbedingte ?bersterblichkeit, ignorieren aber die Auswirkungen des Klimawandels auf die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Neue Studien zeigen jedoch, dass diese Effekte erheblich sind und somit auch das ?ffentliche Finanzwesen belasten k?nnen.
Ein weiteres bedeutendes Beispiel sind Waldbr?nde und deren Rauch, der gesundheitliche und wirtschaftliche Kosten verursachen kann – von erh?hter Sterblichkeit bis hin zu Produktivit?tsverlusten. Steigende Temperaturen k?nnen diese Risiken erh?hen.
Die Finanzm?rkte reagieren bereits auf diese Prognosen, indem sie etwa für Kommunalanleihen mit steigendem Waldbrandrisiko h?here Zinss?tze verlangen. Dennoch tauchen diese Risiken in den meisten Modellen nicht auf. Die tats?chlichen Kosten des Klimawandels k?nnten somit erheblich untersch?tzt sein.
Oft h?re ich, die Schweiz sei aus ?konomischer Sicht vergleichsweise sicher. Doch auch die Schweiz ist tief in globale Lieferketten und Finanzm?rkte eingebettet. Wenn in Australien Kohleminen überflutet werden oder in Afrika die Kakaoernte schlecht ausf?llt, steigen die Preise überall und die M?rkte geraten unter Druck. Zudem investieren Schweizer Unternehmen und Haushalte auch global in Verm?genswerte, die Klimarisiken ausgesetzt sind. Wir müssen daher die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels weltweit verstehen, um die damit verbundenen Risiken – und die Rolle der Schweiz bei ihrer Bew?ltigung – hierzulande zu managen.
Was also tun? Ein wichtiger Hebel ist Information. Die Menschen sind oft nicht ausreichend über Klimarisiken informiert. In Rhode Island (USA) stellten wir beispielsweise fest, dass 70 Prozent der Küstenbewohner ihr ?berflutungsrisiko untersch?tzten. Diese Fehleinsch?tzung führt zu Fehlanreizen: Die Immobilienpreise bleiben hoch, es wird weitergebaut und die Menschen sind den Risiken noch st?rker ausgeliefert. Information ist kein Ersatz für Klimaschutz, aber eine Voraussetzung für eine kluge Anpassung.
Schliesslich sollten wir den Klimawandel nicht als Entweder-oder-Szenario denken – entweder wir stoppen ihn sofort oder wir scheitern. Solches Denken kann pragmatische Schritte in die richtige Richtung erschweren. Und jeder Schritt zur Minderung bringt einen wirtschaftlichen Wert durch vermiedene Klimasch?den.
Natürlich k?nnen solche Schritte auch mit Kosten verbunden sein, zum Beispiel im Energiesystem, das ?hnlich wie das Klima alle Teile der Wirtschaft berührt. Eine mehrheitsf?hige und sozial gerechte Klimapolitik muss beide Seiten dieser Münze anerkennen. Entscheidend ist, dass wir mit offenen Augen in die Zukunft gehen und jeden Tag bessere Entscheidungen treffen – als Individuen, als Unternehmen, als Staaten und als Gesellschaft.