Daheim in zwei Welten
Der ETH-Alumnus Christoph Schr?ter ist Gitarrist der erfolgreichen Mundartband Hecht. Der Musiker und Maschinenbauer hat noch mehr Talente: Er digitalisiert mit seinem Start-up das Gesundheitswesen.?
Christoph Schr?ter sitzt an einem grossen Tisch aus dunklem Massivholz. Das Sitzungszimmer seines Start-ups Evoleen in einem Altbau in Zürich Enge kommt wie ein Showroom daher. An der Wand h?ngen kleine Bildschirme, die Logos von Gesundheitsapps zeigen. In der Ecke steht ein schwerer Spiegel mit einem digitalen Innenleben für den Einsatz in der Rehabilitation. Doch das Gespr?ch beginnt weder bei der Gesch?ftsidee seines Start-ups noch bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Die Musik macht den Anfang, denn Schr?ter ist der Gitarrist von Hecht, aktuell einer der erfolgreichsten Bands der Schweiz.
?Das Gurtenfestival 2016 war die Wende?, erinnert sich Schr?ter an das Konzert auf dem Berner Hausberg. Die damals wenig bekannte Band spielt am Nachmittag auf einer Nebenbühne und auf dem Festivalplakat ist Hecht nicht einmal namentlich erw?hnt. Doch das Publikum versammelt sich in Scharen vor der Bühne und l?sst sich von den fünf Musikern mitreissen. ?Niemand ahnte damals, dass wir drei Jahre sp?ter als erste Mundartband überhaupt im ausverkauften Zürcher Hallenstadion spielen würden?, sagt Schr?ter. Hecht startet durch, stürmt regelm?ssig die Schweizer Charts, r?umt bei Preisen ab, ist bei Festivals l?ngst der Hauptakt.
Wissen mit globaler Wirkung
Dieser Text ist in der Ausgabe 26/01 des ETH-????Magazins Globe erschienen.
Auf der Strasse erkannt wird Schr?ter trotzdem nicht. ?Zum Glück!?, gibt er zu. Wenn Fans in Tr?nen ausbrechen, dann wegen Frontmann und S?nger Stefan Buck und nicht wegen ihm. ?Ich bin ihm sehr dankbar, dass er seinen Job so macht, wie er ihn macht?, sagt Schr?ter. Bei diesen Worten über seinen Freund schwingt auch ein bisschen Stolz mit. Die beiden kennen sich seit ihrer Schulzeit im Luzerner Seetal und machen seit fast dreissig Jahren zusammen Musik. Es verbindet sie eine tiefe Freundschaft. ?Ich bin kein Solokünstler?, sagt Schr?ter über sich und erg?nzt: ?Mein Antrieb ist die Arbeit im Team. Es gibt nichts Sch?neres, als gemeinsam richtig hart an etwas zu arbeiten und gemeinsam den Erfolg dafür zu feiern.?
Kompetenzen zusammenbringen
Der Teamspirit ist auch zentral bei seiner Arbeit im Start-up. Evoleen ist heute mit Standorten in Zürich, München und Riad vertreten und entwickelt innovative Healthtech-L?sungen für Pharmaunternehmen, ?rztinnen und ?rzte sowie ?ffentliche Institutionen. Im Gegensatz zu klassischen pharmazeutischen Produkten, die einen Zyklus von mehreren Jahrzehnten haben, z?hlt bei neueren Technologien die Geschwindigkeit. ?Bei so unterschiedlichen Zeitskalen ist es schwierig, in derselben Struktur beide Arten von Produkten voranzutreiben?, sagt Schr?ter über die Gesch?ftsidee. Deshalb entwickelt sein Start-up nicht nur die Produkte selbst, sondern bietet über die Ideenfindung, klinische Validierung, Marktzulassung bis zur Vermarktung die gesamte Palette an Dienstleistungen an.
?Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit unseren Projekten nur deshalb so erfolgreich sind, weil bei uns so viele verschiedene engagierte und clevere Leute mitdenken. Jeder hat sein Kerngebiet und bringt sich damit ein?, sagt Schr?ter. Erfolg sei wichtig, aber er sei wegen der Menschen hier bei Evoleen. Die Büror?ume strahlen Wohnzimmeratmosph?re aus. Der Weg in die Küche ist ges?umt von Postkarten, Geburtsanzeigen und Hochzeitsfotos und das WLAN-Passwort klingt verd?chtig nach ?home sweet home?.
Bei allem Teamgeist, Schr?ter sch?tzt auch die Phasen, in denen er still und konzentriert für sich allein arbeiten kann. Ideen w?lzen, an technischen Details feilen. Diese Eigenschaft nimmt er von seinem Studium an der ETH Zürich mit. Nach einem Bachelor in Maschinenbau hat er einen Master in Biomedizintechnik absolviert. ?Die Studienrichtung im Master war für mich die perfekte Kombination?, erinnert sich Schr?ter. Er hat am Ende des Gymnasiums lange überlegt, ob er ein technisches Studium in Angriff nehmen soll oder doch ein Medizinstudium. ?Ich würde noch heute gerne als Arzt arbeiten, aber das liesse sich nur schwer mit der Musik vereinbaren?, gibt er zu bedenken. Seine Selbst?ndigkeit gibt ihm die n?tige Freiheit, in der Welt der Musik und in der Welt des Start-ups zu Hause zu sein.
Zur Person
Christoph Schr?ter wurde 1980 im Luzerner Seetal geboren. Er absolvierte einen Bachelor in Maschinenbau und einen Master in Biomedizintechnik an der ETH Zürich und sammelte danach w?hrend sechs Jahren im ETH-Spin-off Pearltec erste Berufs?erfahrungen, bevor er zum internationalen Konzern Advanced Bionics wechselte. 2018 gründete er das Start-up Evoleen mit. Er ist COO des Unternehmens mit Standorten in Zürich, München und Riad.
Vom Pionier zum Profi
Nach Abschluss seiner Masterarbeit am Institut für Biomechanik im Jahr 2009 war für den frischgebackenen Absolventen klar, dass die akademische Karriere für ihn nicht in Frage kommt. Doch er blieb in der N?he seiner Alma Mater und stieg im Start-up Pearltec ein, das kurz davor am Institut für Biomechanik gegründet wurde. Schr?ter war der erste Mitarbeiter. ?Irgendwie ein Pionier?, erinnert er sich, und kommt fast ein wenig ins Schw?rmen.
Diese Position habe ihm die M?glichkeit gegeben, verschiedene Fachbereiche zu durchlaufen und Wissen und Kompetenzen, die über sein Fachwissen hinausgingen, selbst zu erarbeiten. So war l?ngst nicht nur sein Ingenieurswissen gefragt; mal stand das Marketing im Zentrum, dann der Aufbau von Lieferanten oder die Zulassung von Medizinprodukten. ?Nach sechs Jahren als Allrounder wollte ich mich in einer grossen internationalen Firma spezialisieren?, erz?hlt der ETH-Alumnus.
So wechselte er im Jahr 2015 zu Advanced Bionics, einem amerikanischen H?rimplantatehersteller, der mittlerweile von Sonova gekauft wurde. Dort konnte er das machen, was ihm bislang am meisten Spass gemacht hatte: die Regulatorik. ?Ein implantierbares H?rger?t ist aus regulatorischer Sicht sehr spannend, weil in einem einzigen System die ganze medizinische Produktepalette verbaut ist?, erkl?rt Schr?ter. Audioprozessoren, Software, Funkübertragung, Datenschutz, Biokompatibilit?t: Hier konnte er weiteres Wissen aufbauen und seine Erfahrung vertiefen. ?Dieser Job war genau das Richtige für mich?, sagt er und erg?nzt schmunzelnd: ?Bis Chris um die Ecke kam.?
Firma und Familie gründen
Chris Gugl, heute CEO von Evoleen, hatte mit Schr?ter an der ETH Maschinenbau studiert. Aus den Augen verloren hatten sich die beiden nie, alle halben Jahre assen sie Sushi zusammen und tranken Sake. ?Er hat mir stets von dieser Idee eines eigenen Start-ups im Gesundheitsbereich erz?hlt, und ich fand es immer spannend?, sagt Schr?ter. 2018 sollte es so weit sein: Die beiden gründen Evoleen mit weiteren Co- Gründern. Schr?ter startet beruflich durch und muss weiterhin Karriere und Musik unter einen Hut bringen. Seine heutige Frau weiss um seine Leidenschaft für beides. Sie kannten sich schon, als Hecht als englischsprachige Schülerband Seng erste Bühnenerfahrungen sammelte. Auch sie hat ihre eigene Firma und gemeinsam jonglieren sie das Familienleben mit zwei kleinen Kindern.
Dass ihr Vater zu den erfolgreichsten Musikern des Landes geh?rt, verstehen sie noch nicht. Schr?ter indes weiss um seinen Erfolg, kann ihn aber eigentlich immer noch nicht fassen. Im letzten Jahr hat er das Pensum beim Start-up reduziert, um noch st?rker auf die Musik zu fokussieren. ?Jetzt bin ich doch noch offiziell zum Berufsmusiker geworden – mal schauen, wohin das alles noch führt?, sagt er und schüttelt ungl?ubig den Kopf.
Und so endet das Gespr?ch da, wo es begonnen hat: bei der Musik.