ETH-Studierende entwickeln Tools für die UNO
Seit 2023 besteht eine Partnerschaft zwischen der ETH Zürich und der UNO. Erste Projekte zeigen, wie ETH-Forschende und -Studierende die internationale Organisation dabei unterstützen, konkrete Probleme zu l?sen.?
Ein Klick genügt, und die Weltkarte am Bildschirm von ETH-Informatikstudent Janic Moser ordnet sich farblich neu. Je dunkler ein Land ist, desto ?hnlicher ist sein Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen (UNO) dem der Schweiz. Um die Schweiz herum liegt ein dunkler Ring, der nach Osten und Süden hin heller wird. Die interaktive Karte macht sichtbar, was sonst in Tabellen und Berichten verborgen bleiben würde: Koalitionen und Muster politischer N?he und Distanz.
Die digitale Anwendung hinter der Karte stammt von einer Gruppe sechs ETH-Studierender, die seit Sommer 2025 mit der digitalen Bibliothek der UNO zusammenarbeitet – und dies in ihrer Freizeit und ohne dafür Geld oder Kreditpunkte zu erhalten. Die Initiative ist Teil der Partnerschaft zwischen der ETH Zürich und der UNO, die im Oktober 2023 unterzeichnet wurde. Im Rahmen dieser Partnerschaft definieren verschiedene UN-Organisationen Herausforderungen, für die ETH-Forschende oder -Studierende gemeinsam mit UN-Expertinnen und -Experten L?sungsans?tze entwickeln.
Wissen mit globaler Wirkung
Dieser Text ist in der Ausgabe 26/01 des ETH-????Magazins Globe erschienen.
Abstimmungsdaten demokratisieren
?Mit unserem Prototyp wollen wir den Zugang zu Abstimmungsdaten aller UNO-Mitglieder zu verschiedenen Themen vereinfachen?, erkl?rt Benjamin Hoffman. Der Aargauer ist Doktorand am Institut für Technische Informatik und Kommunikationsnetze der ETH Zürich und leitet die Studierendengruppe, denn aktuell sind die Abstimmungsresultate aus 75 Jahren UNO-Geschichte über zahlreiche Webseiten verstreut. Wer sich einen ?berblick verschaffen will, muss die Daten mühsam auf verschiedenen Portalen zusammensuchen und integrieren. Geht es nach Hoffman und Moser, wird sich das bald ?ndern. Die Onlineplattform der Studierenden soll es Diplomatinnen und Diplomaten, Forschenden, Medienschaffenden oder interessierten Bürgerinnen und Bürgern erm?glichen, das Abstimmungsverhalten aller UNO-Mitgliedstaaten mit wenigen Klicks zu verstehen und zu vergleichen. ?Mit unseren interaktiven Karten k?nnen wir zum Beispiel zeigen, wie sich zwei L?nder wie etwa die Schweiz und China bei verschiedenen Themen über die Jahre angen?hert oder entfernt haben?, erkl?rt der ETH-Student Moser.
Hinter den Karten steckt eine ganze Menge Kodierungsarbeit. ?Eine unerwartete Herausforderung für uns waren L?ndernamen, die sich seit der Gründung der UNO im Jahr 1945 immer wieder ge?ndert haben?, sagt Hoffman. Um dieses und andere Probleme zu l?sen, tauschten er und seine Teammitglieder sich seit Sommer letzten Jahres immer wieder mit Mitarbeitenden der UNO-Bibliothek aus. ?Es war für uns entscheidend, die Bedürfnisse der UNO wirklich zu verstehen und regelm?ssig Feedback aus der Organisation selbst zu erhalten?, sagt Hoffman. So gewannen die Studierenden auch wertvolle Einblicke in die Welt der internationalen Politik und eigneten sich neue F?higkeiten an.
Angesichts von Budgetkürzungen verfügt die digitale Bibliothek der UNO nicht über die Ressourcen, um so ein Projekt allein umzusetzen. ?Gerade im Bereich Technologie ist Kooperation für die UNO unverzichtbar. Wir k?nnen dank Partnerschaften mit nichtstaatlichen Akteuren wie der ETH mehr erreichen?, best?tigt auch Guy Ryder, der als Untergeneralsekret?r für Politik einer der führenden K?pfe bei der UNO ist.
Die Arbeit der ETH-Studierenden ist ein gutes Beispiel für die Art von Projekten, die im Rahmen der ETH-UNO-Partnerschaft umgesetzt werden. Neben Hoffmans und Mosers Team sollen in Zukunft weitere Studierendengruppen zusammen mit verschiedenen Organisationen der UNO an konkreten L?sungen arbeiten. Gemeinsam mit der UN-Ern?hrungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) soll etwa ein Modell entwickelt werden, um die Ernterisiken von Kleinbauern zu beurteilen. Zudem ist eine Zusammenarbeit mit dem Büro des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR) vorgesehen. Dabei geht es um eine neue Onlinesuchfunktion, mit der sich über 230?000 Beobachtungen und Empfehlungen zum Thema Menschenrechte durchforsten und analysieren lassen sollen.
Einfache Bilder für UNICEF
Der Befund der ?rztin, der Brief des Lehrers, das Infoblatt der Beh?rde – viele Menschen k?nnen geschriebene Informationen schwer oder gar nicht verstehen. Die Gründe dafür sind so komplex wie vielseitig. Sie reichen von intellektuellen Beeintr?chtigungen über fehlende oder limitierte Lese- und Schreibf?higkeiten bis hin zu Formen der Neurodiversit?t. Davon betroffen sind sowohl Erwachsene als auch Kinder.
?Für uns ist der Zugang zu einfacher, verst?ndlicher Information für alle besonders wichtig, es ist ein Menschenrecht?, erkl?rt Thy Nowak-Tran vom UNICEF-Team. Um geschriebene Sprache in Dokumenten, Anleitungen, Pr?sentationen, Beipackzetteln oder im Internet m?glichst zug?nglich und verst?ndlich zu machen, setzt das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) daher auf eine Kombination aus vereinfachter Sprache, Layout und unterstützenden Bildern. Dieser Ansatz wird in der Fachsprache auch als ?Easy Read?, auf Deutsch ?einfache Sprache?, bezeichnet. ?Für uns ist ?Easy Read? ein Instrument der Barrierefreiheit und Inklusion?, sagt Nowak-Tran.
Ein wichtiger Teil von ?Easy Read? sind Piktogramme. Doch die Gestaltung dieser Bilder durch Illustratorinnen und Illustratoren ist teuer und aufwendig. An diesem Punkt setzt ein weiteres Projekt der ETH-UNO-Partnerschaft an: ?KI-Bildgenerierungsmodelle k?nnten hier eine L?sung darstellen. Doch die g?ngigen, kommerziellen Modelle sind für den ?Easy-Read?-Ansatz ungeeignet?, erkl?rt Sonia Laguna, Doktorandin in der Forschungsgruppe von Julia Vogt, ETH-Professorin für Medizinische Datenwissenschaft. Sie generieren meist Bilder, die zu detailreich und überladen sind. ?Easy Read?-Piktogramme oder Symbole sollten aber m?glichst einfach, kontrastreich und unmissverst?ndlich sein. Hinzu kommt, dass sie in verschiedenen kulturellen Kontexten funktionieren müssen, um sie in verschiedenen L?ndern einsetzen zu k?nnen. Dies kann bestehende KI-Modelle überfordern.
Gemeinsam mit einem kleinen ETH-Team und im engen Austausch mit UNICEF hat Laguna daher ein offen zug?ngliches KI-Bildgenerierungsmodell weiterentwickelt. Aus einem Prompt wie ?Die Schule brennt? soll auf Knopfdruck automatisch ein leicht zu verstehendes Piktogramm werden. Dafür hat die ETH-Informatikerin das Modell mit speziellen Piktogrammdatens?tzen trainiert und dessen Parameter auf den ?Easy Read?-Stil angepasst. Sie hat zudem sichergestellt, dass die Piktogramme kulturelle und regionale Besonderheiten wie vielf?ltige Hautt?ne angemessen wiedergeben. Der erste Prototyp ist vielversprechend: ?Die Bilder sind deutlich n?her am ?Easy Read?-Stil als die der kommerziellen Modelle?, sagt Laguna.
Die gr?sste Herausforderung für die ETH-Forscherin und ihre Teammitglieder war die Evaluation der Bilder, denn es gibt keine objektiven Standards für ?Easy Read?-Symbole. Das Team hat daher einen eigenen ?Easy Read?-Score entwickelt und plant Nutzerstudien mit UNICEF-Expertinnen und -Experten sowie Pilotprojekte in unterschiedlichen L?ndern.
?Durch das Projekt mit der ETH gewinnen wir bereits heute wichtige Erkenntnisse darüber, wie KI-Tools unsere bestehenden Symboldatenbanken erg?nzen k?nnen – insbesondere in mehrsprachigen Kontexten mit geringen Ressourcen?, erkl?rt Nowak-Tran. L?ngerfristig soll die Zusammenarbeit mit der ETH der UNICEF dabei helfen, den Engpass bei der Erstellung von ?Easy Read?-Piktogrammen zu beseitigen – diese sollen kein Luxus, sondern ein Standard sein. Da das KI-Modell offen zug?nglich sein wird, erhalten auch Organisationen ausserhalb der UNO die Chance, ihre Informationen für Menschen mit kognitiven Beeintr?chtigungen zug?nglicher zu machen. In einem n?chsten Schritt wollen die Expertinnen und Experten der ETH und der UNICEF prüfen, ob sich KI-Modelle auch dazu eignen, ?Easy Read?-Texte und -Layouts zu erstellen.
Flutschutz in Flüchtlingslagern
Die Zusammenarbeit zwischen der UNO und der ETH hat nicht erst mit der offiziellen Partnerschaft im Jahr 2023 begonnen. Bereits vorher stellten ETH-Forschende ihr Know-how immer wieder in den Dienst der UNO. So auch Bruna Rohling, Doktorandin bei David Kaufmann, ETH-Professor für Raumentwicklung und Stadtpolitik. Die Forscherin war von 2021 bis 2024 Teil einer Kollaboration des Geneva Technical Hubs. Diese Plattform brachte ein Team von ETH-Forschenden mit Expertinnen und Experten der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR zusammen, um Flüchtlingslager besser vor Hochwasserereignissen zu schützen. Denn diese Lager sind aufgrund ihrer Lage und der oftmals fragil gebauten Unterkünfte besonders gef?hrdet, wenn Regen binnen Stunden Wege in B?che und Felder in Teiche verwandelt.
Rohling und ihre Teamkollegen entwickelten ein Hochwasser-Toolkit für das UNHCR. Dieses besteht aus einem Kartierungstool, das globale und lokale Geodaten kombiniert, um Hochwasserrisikozonen in und um Flüchtlingslager sowie gef?hrdete Geb?ude zu identifizieren. Erg?nzt wird dieses Tool durch einen Katalog von 22 Massnahmen, mit denen das Hochwasserrisiko in Flüchtlingslagern verringert werden kann, sowie einen Leitfaden, der UNHCR-Mitarbeitende dabei unterstützen soll, dieses Risiko vor Ort gemeinsam mit lokalen Akteuren und direkt Betroffenen zu erfassen.
Gefahrenzonen identifizieren
Um diese Toolbox zu testen, lud das UNHCR Country Office der Republik Kongo die ETH-Forschenden im Jahr 2024 in das Flüchtlingslager ?Site du 15 avril? in der Kleinstadt Bétou im Norden der Republik Kongo ein. Dort leben rund 6000 Geflüchtete. Das Camp wurde 2023 von Hochwasser heimgesucht. Einige Unterkünfte, Sanit?ranlagen, Strassen und Felder standen teilweise wochenlang unter Wasser. ?Unser Ziel war es, gemeinsam mit den lokalen Verantwortlichen und direkt Betroffenen das Hochwasserrisiko zu identifizieren und zu kartieren?, erinnert sich Rohling.
Nach einer Analyse der vorhandenen Geodaten und zahlreichen Besichtigungen und Interviews vor Ort veranstaltete das Team einen partizipativen Kartierungsworkshop mit den Einwohnerinnen und Einwohnern. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelten das lokale UNHCR-Team und die ETH-Forschenden eine Strategie zur Minderung des Hochwasserrisikos für Bétou, die eine Reihe von kurz- und langfristigen Massnahmen umfasst. Diese reichen von verbesserten Drainagen über erh?hte Bauweisen und Aufforstung bis hin zur Einführung eines Frühwarnsystems. ?Wirksamer Flutschutz sollte m?glichst umfassend sein. In Bétou bedeutet dies, dass Stadtplanung und hochwasserresistente Architektur genauso wichtig sind wie die Priorisierung von lokalem Wissen und der Schutz von intakten ?kosystemen.?
Das ETH-Team pr?sentierte seine Erkenntnisse anschliessend im UNHCR Country Office und vor nationalen Politikerinnen und Politikern in Brazzaville, der Hauptstadt der Republik Kongo. Die Toolbox soll künftig auch in anderen Flüchtlingscamps des UNHCR eingesetzt werden. Obwohl das Projekt nicht im Rahmen der ETH-UNO-Partnerschaft initiiert wurde, entsprechen seine Ergebnisse doch ganz dem Geist dieser Partnerschaft.
externe Seite ICAIN steht für International Compu?tation and AI Network. Die Initiative wurde 2024 am World Economic Forum (WEF) von der ETH Zürich und dem Eidgen?ssischen Departement für ausw?rtige Angelegenheiten (EDA) gemeinsam mit der EPFL und internationalen Partnern ins Leben gerufen. Das Ziel: KI-Technologien zu entwickeln, die einen gesellschaftlichen Nutzen haben, für alle verfügbar und nachhaltig sind und dabei helfen, globale Herausforderungen zu bew?ltigen.
Zur Umsetzung von zwei Pilot?projekten arbeitet ICAIN beispielsweise mit Data Science Africa (DSA) zusammen: Einmal geht es darum, mittelsZugang zur Rechenleistung des Supercomputers ALPS in Lugano lokale Wettervorhersagen für Kleinbauern zu verbessern. Auch das zweite Projekt soll die Landwirtschaft in Afrika effizienter machen: Durch ein einfaches Spektrometer, das mit einem Smartphone bedient wird, sollen Bauern frühzeitig erkennen, ob ihre Pflanzen von Krankheiten befallen sind.
In einem weiteren Pilotprojekt entwickeln Forschende um ETH-Professorin Menna El-Assady ein Kartenset, das zentrale Konzepte und Mechanismen hinter KI-Anwendungen einfach erkl?rt. Dadurch soll die ?ffentlichkeit besser über die Chancen und Risiken von KI informiert werden.
Für Annette Oxenius, die als Vizepr?sidentin für Forschung an der ETH Zürich für ICAIN verantwortlich ist, zeigen diese Beispiele das grosse Potenzial der Initiative: ?Ein besserer Zugang zu KI-Technologien und dem Wissen dahinter kann dabei helfen, die globale Ungleichheit zu reduzieren. Wir hoffen in Zukunft, noch weitere Partner und Geldgeber für die Initiative zu finden.?