«Globale Fragen können nicht nur national gelöst werden»

Isabel Günther, Professorin für Entwicklungs?konomie der ETH Zürich, erz?hlt im Interview, weshalb die terti?re Ausbildung in Afrika ein Entwicklungsmotor ist und was die soziale Wirkung von Forschung erh?ht.?

ETH-Professorin Isabel Günther
ETH-Professorin Isabel Günther: ?Für eine symmetrische Partnerschaft ist zentral, die Forschungsfrage von Anfang an gemeinsam zu definieren.? (Bild: Daniel Winkler?/?ETH Zürich)

In den UNO-Entwicklungszielen sind wissenschaftliche Kooperationen als Teil globaler Partnerschaften vorgesehen. Wie k?nnen solche Kooperationen zur Entwicklung in L?ndern mit niedrigen Einkommen beitragen?
Isabel Günther: Wir unterstützen bei ETH for Development (ETH4D) zwei Formen von Partnerschaften, die beide sehr wichtig sind. Erstens: Partnerschaften zwischen Akteurinnen aus Wissenschaft, Politik, Industrie und Zivilgesellschaft k?nnen Innovationen schaffen, um Entwicklungsziele zu erreichen. Je kleiner die Budgets zur Erreichung der UNO-Entwicklungsziele werden, desto wichtiger werden solche Innovationen, um mit den gleichen Ressourcen mehr Wirkung zu erzielen. Das heisst in unserem Fall, die Lebensbedingungen von Menschen positiv zu beeinflussen. Zweitens: Partnerschaften zwischen Universit?ten, um zur Hochschulbildung im Partnerland beizutragen und gemeinsam die n?chste Generation von Führungskr?ften und Forschenden auszubilden. Technologischer Fortschritt und Innovationen, die an Hochschulen entstehen, sind oft die Grundlage für wachsenden Wohlstand. Gleichzeitig st?rken wissenschaftliche und grenzüberschreitende Kooperationen die globalen Beziehungen der ETH Zürich und der Schweiz. 

Wie steht es heute um die terti?re Bildung in L?ndern des Globalen Südens? 
Fast jedes Kind hat mittlerweile Zugang zu Primarschulbildung, sehr viele auch zu Sekundarschulbildung. Ganz anders sieht es bei der terti?ren Ausbildung, also bei den Hochschulen, aus. In vielen L?ndern mit niedrigen Einkommen liegt der Anteil bei lediglich zehn Prozent. Noch ausgepr?gter ist dies bei den Masterabschlüssen: In der Schweiz haben rund zwanzig Prozent der Bev?lkerung einen solchen Abschluss; in den meisten afrikanischen L?ndern sind es weniger als ein Prozent. Das ist nicht nur für die Wirtschaft ein Problem, sondern auch für die Universit?ten, denn diese brauchen Nachwuchs mit einem Masterabschluss oder Doktortitel, der wiederum Studierende an der Universit?t unterrichten kann. 

Wissen mit globaler Wirkung

Titelblatt Globe 26/01

Dieser Text ist in der Ausgabe 26/01 des ETH-????Magazins Globe erschienen.

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Was sind die Gründe dafür, dass die Quote für terti?re Bildung so tief liegt? 
Für viele Regierungen hatte dies lange Zeit keine Priorit?t. Das war in der Schweiz ursprünglich nicht anders: Staaten beginnen mit dem Aufbau der Prim?rbildung, dann kommt die Sekund?rbildung und zuletzt die Terti?rbildung.  Durch Partnerschaften in Forschung und Lehre k?nnen wir diesen Prozess aber deutlich beschleunigen.Solche Forschungskooperationen sind historisch belastet und bis heute oft asymmetrisch.

Wie gelingen Partnerschaften auf Augenh?he, von denen beide Seiten profitieren?  
Das ist tats?chlich eine Herausforderung, schon allein wegen der Unterschiede bei den verfügbaren finanziellen Ressourcen. Hinzu kommt, dass Kolleginnen und Kollegen an afrikanischen Universit?ten oft ein sehr viel h?heres Lehrpensum als wir haben. Zentral für eine symmetrische Forschungspartnerschaft ist, dass die Forschungsfrage von Anfang an gemeinsam definiert, das Budget transparent aufgeteilt und frühzeitig entschieden wird, wer alles auf den wissenschaftlichen Publikationen erscheint. Noch wichtiger ist allerdings, dass die Anzahl der Forschungspartnerschaften zwischen Forschenden in der Schweiz und dem Globalen Süden weiter zunimmt.  

Inwiefern profitiert auch die Forschung selbst von solchen Kooperationen?  
Früher hatte man oft das Gefühl, man k?nne hier in der Schweiz eine Technologie entwickeln und diese dann einfach in einem anderen Land nutzen. Ich habe deshalb auch Mühe mit dem Begriff internationaler ?Wissenstransfer?, denn der Transfer funktioniert so nicht. Das liegt zum Beispiel daran, dass in vielen L?ndern ganz andere klimatische Bedingungen herrschen als bei uns. Oder weil viele Technologien, die wir hier entwickeln, auf stabile Elektrizit?tsversorgung angewiesen sind, die es in vielen L?ndern nicht gibt. Die Logistik von Verbrauchsmaterialien ist ein weiteres Beispiel: Wenn Forschende eine neue Technologie für l?ndliche Gebiete Afrikas entwickeln, dann müssen sie beim Design so früh wie m?glich berücksichtigen, dass diese mit m?glichst wenig Verbrauchsmaterial auskommt und dieses vor Ort verfügbar ist. Diese Beispiele zeigen den Mehrwert, wenn viel Kontextwissen von Anfang an in die Forschung einfliesst. Auf der anderen Seite haben wir es uns an der ETH zum Ziel gesetzt, L?sungen für globale Herausforderungen zu entwickeln, und dazu ben?tigen wir gut funktionierende globale Forschungsnetzwerke: Globale Fragen k?nnen nicht nur national gel?st werden, und aus zus?tzlichen Perspektiven ergeben sich neue Einsichten.  

Dies bedingt jedoch, dass sich Forschende auf Neuland einlassen und Risiken eingehen. Werden die Forschungsprojekte dadurch aufwendiger?  
Solche Projekte ben?tigen oft mehr Zeit, zudem besteht das Risiko, dass ein Projekt nicht wie geplant durchgeführt werden kann, und der Koordinationsaufwand ist h?her. Es braucht deshalb oft spezielle Formate und Finanzierungsinstrumente, um solche Forschung durchzuführen. Aber der Aufwand lohnt sich; die Forschungsergebnisse sind am Ende oft viel relevanter für alle Beteiligten.  

Welchen Beitrag leistet ETH4D, um solche Forschung zu erm?glichen? 
Wir unterstützen unsere Mitglieder in drei Bereichen: Erstens helfen wir, Partnerschaften zu etablieren, zum Beispiel mit dem IKRK, den NGOs oder mit Universit?ten in Afrika. Oft haben Forschende an der ETH gute Ideen, wie sie mit ihrem Forschungsgebiet einen Beitrag zu den UNO-Entwicklungszielen leisten k?nnen, aber es fehlen ihnen die passenden Partnerinnen und Partner vor Ort, um ein Projekt umzusetzen. Da kann ETH4D mit seinem Netzwerk weiterhelfen. Zweitens betreiben wir Fundraising, um diese Art von Forschung zu finanzieren, die etwas risikoreicher ist, bei der viele Parteien involviert sind und mehr Koordination anf?llt. Und drittens wollen wir den globalen akademischen Austausch f?rdern, also mehr Forschende aus L?ndern mit tiefen Einkommen nach Zürich und mehr ETH-Forschende an afrikanische Universit?ten bringen. Zus?tzlich f?rdern wir den Netzwerkaufbau innerhalb der ETH und bringen Forschende von verschiedenen Disziplinen zusammen, die ?hnliche Interesse haben, sich aber ohne ETH4D vielleicht nie begegnet w?ren. Besonders bei neu berufenen Professorinnen und Professoren sehen wir ein grosses Interesse an Forschung mit globaler Wirkung. Viele sind heute Mitglied bei ETH4D. 

Der Ruf nach Forschung mit ?social impact? wurde in den vergangenen Jahren lauter. Wie definieren Sie die Wirkung und wie l?sst sich diese messen?  
Vereinfacht gesagt ist ?social impact?, wenn die Resultate von Forschungsprojekten die Lebensbedingungen von Menschen zeitnah verbessern, zum Beispiel zu einer bessere Energie- oder Gesundheitsversorgung führen. Uns interessiert vor allem der globale ?social impact?, also die Wirkung auf die sechzig Prozent der Weltbev?lkerung, die bisher mit weniger als zehn Dollar am Tag leben müssen. Es geht bei ETH4D aber nicht darum, dass jedes Forschungsprojekt dieses Ziel erfüllt; schliesslich sind die Ergebnisse in der Forschung nie ganz voraussehbar. Aber wir k?nnen die Wahrscheinlichkeit für eine globale soziale Wirkung erh?hen. 

Zur Person

Isabel Günther ist Professorin für Entwicklungs?konomie an der ETH Zürich. Sie ist Sprecherin von ETH4D und Direktorin der Studieng?nge Global Cooperation and Sustainable Development (NADEL). Seit 2024 ist sie zudem Pr?sidentin der Swiss Alliance for Global Research Partnerships der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz. 

Gibt es thematische Bereiche, in denen die ETH als technische Hochschule eine besonders ausgepr?gte soziale Wirkung erzielen kann? 
Das sind vor allem die Ingenieur- und Naturwissenschaften. Aber die Bandbreite der Themen bei ETH4D ist sehr gross, von der Energiewende über Klimaschutz und -adaptation, Wasserversorgung, Bildung bis hin zur Gesundheit und künstlicher Intelligenz.

Wie müssen wir uns den Einsatz von KI im humanit?ren Bereich vorstellen? 
Ein gutes Beispiel ist der Einsatz von KI im Bildungs- und Gesundheitsbereich. Dort fehlt es vielerorts an Fachkr?ften. Wenn zum Beispiel eine Pflegerin in einem l?ndlichen Gesundheitszentrum mithilfe von KI genauere Malariadiagnosen erstellen kann, ist das sehr nützlich, weil bis heute aufgrund mangelnder Diagnostik zu oft Malariamedikamente verschrieben werden. Oder auch im Bildungsbereich kann KI unterstützen, wenn eine Lehrerin allein fünfzig Schülerinnen und Schüler unterrichtet muss. Ein weiterer interessanter Anwendungsbereich ist die KI-gestützte Auswertung von Satellitendaten w?hrend humanit?rer Krisen, zum Beispiel, um die Bev?lkerungsdichte genauer zu sch?tzen. Bei Konflikten k?nnen diese helfen, humanit?re Güter schneller an die richtigen Orte zu bringen. Dazu konnte ein Forschungsteam der ETH im Rahmen der Partnerschaft mit dem IKRK wichtige Forschungsprojekte umsetzen, die unterdessen grosse Wirkung erzielen.  

Sie sind Teil des Direktorats des Masterstudiengangs, den die ETH mit der Universit?t Ashesi in Ghana aufgebaut hat. Was haben Sie pers?nlich aus dieser Kooperation gelernt?  
Was alle Beteiligten, die vor Ort unterrichten, begeistert hat – ich geh?re dazu –, ist die Zusammenarbeit mit brillanten jungen Leuten aus ganz Afrika. Sie investieren enorm viel in ihre Bildung, sind sehr motiviert, ihren Beitrag zur nachhaltigen Industrialisierung auf dem afrikanischen Kontinent zu leisten, und die Diskussionen mit ihnen sind sehr bereichernd. Wir haben von Anfang an mit Schweizer Industrieunternehmen zusammengearbeitet, die grosses Interesse haben an Ingenieurinnen und Ingenieuren aus afrikanischen L?ndern, die für ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen auf dem Kontinent arbeiten k?nnen, und finanzieren Stipendien für die Studierenden in Ghana.  

Gibt es auch Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden? 
Die Zusammenarbeit ist für uns eine Erfolgsgeschichte und wir haben viel dabei gelernt. Die gemeinsame Lehre von Forschenden unterschiedlicher Hochschulen betrachten wir als Erfolgsfaktor, um die Qualit?t der globalen Hochschulbildung zu verbessern. Darauf aufbauend sind wir mit Universit?ten in Kenia, Uganda, Südafrika und einer zweiten Universit?t in Ghana im Gespr?ch, um zusammen weitere Studieng?nge zu entwickeln. In Zukunft wird es aber keinen doppelten Abschluss beider beteiligten Universit?ten mehr geben, dazu fehlt uns die zeitliche Kapazit?t. Wir werden jedoch zu den Masterabschlüssen und zur Doktoratsausbildung unserer Partneruniversit?ten beitragen.  

Eine oft ge?usserte Befürchtung bei der Ausbildung von Fachkr?ften im Globalen Süden ist der Braindrain, dass also gut ausgebildete Junge ihr Land verlassen und dorthin ziehen, wo sie mehr verdienen und bessere Karrierem?glichkeiten haben. Wie beurteilen Sie das? 
Ich spreche lieber von Braingain, also Wissenszuwachs. Erstens: Forschung lebt von Austausch und deshalb auch von Migration. Um das zu realisieren, muss man sich ja nur an der ETH umschauen. Zweitens: Die Theorie des Braindrains stimmt so nicht. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass selbst wenn einige Absolventinnen und Absolventen von neuen Bildungsprogrammen auswandern, am Ende oft ein Braingain für die Staaten resultiert, weil viele in ihrem Heimatland bleiben wollen. Drittens: An der ETH ist es unser Anspruch, Antworten auf globale Fragen zu finden. Das heisst, es spielt keine Rolle, wo Forschende oder Universit?tsabg?ngerinnen und -abg?nger arbeiten, ob sie sp?ter für internationale NGOs oder für Industrieunternehmen in Europa t?tig sind. Hauptsache, sie bringen in ihrem Gebiet eine globale Perspektive mit ein. Das lehren wir auch unseren Studierenden an der ETH. Von der ersten Kohorte des ETH-Ashesi-Studiengangs arbeiten zwanzig in der Industrie auf dem afrikanischen Kontinent. Ein Absolvent hat gerade ein Doktorat an der ETH angefangen, um dann in Ghana an der Universit?t zu unterrichten. Das alles sehe ich als grossen Gewinn. 

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