Nicht jeder Wald kühlt die Erde
Im Kampf gegen die Klimakrise setzen Staaten grosse Hoffnungen in Aufforstungsprojekte. In einer neuen Studie zeigen Forschende der ETH Zürich, dass der Standort der Aufforstung meist entscheidender ist als die Anzahl B?ume. Werden W?lder strategisch geschickt platziert, k?nnte der gleiche Kühleffekt bei halb so grossem Fl?chenverbrauch erzielt werden.?
In Kürze
- Klimaforschende der ETH Zürich zeigen auf, wo das Pflanzen von B?umen am sinnvollsten ist, um den gr?sstm?glichen Kühleffekt auf das Klima zu erzielen.
- Aufforstungen in tropischen Regionen haben den gr?ssten Kühleffekt. Baumpflanzungen auf der Nordhalbkugel hingegen verringern die Rückstrahlung von Sonnenlicht und haben keinen Effekt oder tragen sogar zur Erw?rmung des Klimas bei.
- Der Kühleffekt aufs Klima betr?gt maximal 0,25 Grad Celsius bis 2100. Damit ist der Beitrag zwar wichtig, kann aber die dringend n?tige Reduktion von Treibhausgasemissionen nicht ersetzen.
B?ume sind beliebt und Aufforstung geniesst eine breite Zustimmung in der Gesellschaft, der Politik und teilweise auch in der Wissenschaft. Gigantische Kampagnen, wie die ?Trillion Tree Campaign?, die vom UNO-Umweltprogramm initiiert wurde, versprechen Klimaschutz durch das Pflanzen von Milliarden von B?umen. Derartige Initiativen zielen darauf ab, die Anzahl B?ume weltweit so schnell wie m?glich zu erh?hen, um klimasch?dliches Kohlendioxid zu binden. Wie viel Land global tats?chlich für Aufforstung zur Verfügung steht, ist bis heute umstritten. Je nach Studie sind es zwischen 150 und 1000 Millionen Hektar, die zwischen 130 und 750 Gigatonnen Kohlendioxid binden k?nnten.
Verschiedene Aufforstungsszenarien verglichen
Bisherige Studien untersuchten meist nur einzelne, oft sehr idealisierte Aufforstungsszenarien oder arbeiteten mit vereinfachten Modellen. In einem soeben publizierten Fachartikel haben Forschende unter der Leitung von Robert Jnglin Wills, Professor für Klimadynamik der ETH Zürich, erstmals den Klimaeffekt von drei globalen Aufforstungsszenarien in einem komplexen Erdsystemmodell simuliert und verglichen.
Dafür haben sie nicht nur die biochemischen Effekte des Aufforstens, also die Aufnahme von Kohlendioxid durch die Photosynthese der B?ume, berücksichtigt, sondern auch die biophysikalischen Effekte. Dazu z?hlen die ver?nderte Albedo, also die F?higkeit, Sonnenlicht zurückzustrahlen, sowie die Auswirkungen auf die Wasserverdunstung und die ver?nderte Beschaffenheit der Oberfl?che von aufgeforsteten Gebieten, beispielsweise durch Bl?tter statt Gr?ser.
Für ihre Modellierung haben die Forschenden drei bestehende und in den Klimawissenschaften oft genutzte Aufforstungsszenarien ausgew?hlt, die unterschiedliche ?konomische und ?kologische Annahmen über Aufforstungsm?glichkeiten treffen. Darunter auch dasjenige eines Teams um Jean-Fran?ois Bastin, das 2019 an der ETH ausgearbeitet wurde, viel Aufmerksamkeit erregte und für Kritik sorgte. Trotzdem wird es von vielen internationalen Organisationen bis heute genutzt, um Aufforstungen zu planen.
Maximale Aufforstung mit Kühleffekt
Die Forschenden haben für die drei Szenarien berechnet, welche biochemischen und biophysikalischen Temperatureffekte die Aufforstungen bis im Jahr 2100 h?tten – und wie sich diese auf das globale Klimasystem auswirken würden. Dies unter der Annahme, dass für alle drei Szenarien von 2015 bis 2070 W?lder bis zum maximalen Potenzial aufgeforstet werden und die Waldfl?che anschliessend 30 Jahre lang konstant bleibt.
Dabei werden weder Siedlungsfl?chen noch vegetationslose oder eisbedeckte Regionen aufgeforstet, und die Aufforstung auf landwirtschaftlichen Nutzfl?chen wird auf ein Minimum reduziert, um die globale Nahrungssicherheit nicht zu gef?hrden.
Für die Simulation nutzten die Forschenden ein Klimamodell, das alle Komponenten des Klimasystems beinhaltet, darunter die Atmosph?re, Ozeane und Land.
Um sicherzustellen, dass die berechneten Effekte tats?chlich auf die Aufforstung zurückzuführen sind und nicht auf zuf?llige Wetterschwankungen, liessen die Forschenden das Modell fünfmal mit leicht unterschiedlichen Startbedingungen auf dem ETH-Supercomputer ?Euler? laufen. Die Simulationen dauerten rund vier Monate und produzierten 300 Terabyte an Daten.
Je nach Szenario nur halb so viel Land n?tig
Die Ergebnisse waren verblüffend: Obwohl sich die aufgeforstete Fl?che um 450 Millionen Hektar unterschied, erzielten zwei der untersuchten Szenarien nahezu die gleiche globale Abkühlung. Der Unterschied entspricht einer Fl?che, die etwa so gross ist wie alle EU-Staaten zusammen.
?Dass wir den gleichen Klimaeffekt mit signifikant weniger Land erreichen k?nnen, zeigt, dass es wichtiger ist, wo wir pflanzen, als wie viel wir pflanzen?, sagt Nora Fahrenbach, Doktorandin in der Gruppe von Jnglin Wills und Erstautorin der Studie.
Der Grund für diese Effizienzsteigerung liegt in der geografischen Platzierung und dem teilweise gegens?tzlichen Wirken biophysikalischer und biochemischer Prozesse in verschiedenen Breitengraden. W?hrend das Aufforstungsszenario des Teams um Jean-Fran?ois Bastin massive Waldfl?chen in den n?rdlichen Breiten vorsieht, konzentrieren sich effizientere Ans?tze auf Regionen, in denen die B?ume ihre Kühlwirkung besser entfalten k?nnen.
Das gr?sste Potenzial für einen kühlenden Effekt auf das lokale und globale Klima liegt in den Tropen, vor allem im Amazonasbecken und in West- und Südostafrika. Die B?ume speichern dort nicht nur effizient Kohlenstoff (biochemische Kühlung), sondern kühlen ihre Umgebung auch lokal durch eine hohe Verdunstungsrate (biophysikalische Kühlung). In Südostasien sind dieselben Effekte zu beobachten, wenn auch weniger ausgepr?gt.
In den hohen n?rdlichen Breiten hingegen, etwa in Sibirien, Kanada, Alaska und weiten Teilen Nordamerikas, ist grossfl?chige Aufforstung meist nicht Klima kühlend. Diese Gebiete sind oft monatelang von Schnee und Eis bedeckt, die das Sonnenlicht stark reflektieren.
Bei Aufforstungen führen die dunklen Baumkronen, die aus der Schneedecke herausragen, dazu, dass mehr Sonnenstrahlung absorbiert wird. Dieser Albedo-Effekt führt zu einer lokalen Erw?rmung, die in Kombination mit Klimaeffekten aus anderen Regionen die Kühlwirkung durch die CO?-Aufnahme der B?ume teilweise oder sogar ganz aufheben. ?Indem wir Aufforstung in n?rdlichen Regionen meiden und uns stattdessen auf die Tropen konzentrieren, wird die Aufforstung zu einem weitaus effizienteren Instrument für den Klimaschutz?, erkl?rt Fahrenbach.
Lokale Eingriffe mit globalen Konsequenzen
Mithilfe einer statistischen Methode wiesen die Forschenden zudem nach, dass Aufforstungen die atmosph?rische und ozeanische Zirkulation beeinflussen. Das bedeutet: Ein neuer Wald kann Temperatur und Niederschl?ge in Regionen ver?ndern, die tausende von Kilometern entfernt liegen.
?berraschenderweise variierten diese nicht-lokalen Effekte drastisch zwischen den drei Szenarien. Ob eine Region w?rmer oder kühler wurde, hing nicht nur von den B?umen vor Ort ab, sondern auch davon, wo andernorts auf der Erde zus?tzlich W?lder gepflanzt wurden. Dies macht deutlich, dass Aufforstungen nicht nur lokal wirken, sondern globale Konsequenzen haben.
Fahrenbach r?umt ein, dass sie sich einzig die Auswirkungen der Aufforstungsszenarien auf das Klima angeschaut hat, nicht jedoch diejenigen auf Biodiversit?t, ?kosysteme und die im Wald lebenden Menschen. Zudem wurden die Auswirkungen der verschiedenen Szenarien bislang nur mit einem Klimamodell berechnet.
Idealerweise würde man Ergebnisse aus verschiedenen Modellen vergleichen, was jedoch zeit- und kostenintensiv ist. Dennoch stünden die Erkenntnisse nicht isoliert da, betont Fahrenbach: Ein Vergleich mit bestehenden Beobachtungsdaten und anderen Modellierungen stützten die zentralen Ergebnisse der Studie.
?Dass tropische W?lder das Klima effektiver kühlen als W?lder in hohen n?rdlichen Breiten, ist schon l?nger bekannt?, erkl?rt die Forscherin. ?Mit unserem Vergleich liefern wir der Politik nun aber erstmals eine wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage, welche Fl?chen weltweit das gr?sste Potenzial für eine effektive Klimakühlung bieten.?
Systematisch und mit globaler Perspektive
Künftige Aufforstungen müssten international koordiniert werden, sagt Fahrenbach. Nur so k?nnten ineffiziente Aufforstungsprojekte verhindert werden. Zurzeit fehle jedoch eine globale Institution dafür. Es sei zudem erstaunlich, dass auch internationale Vereinbarungen wie das Pariser Klimaabkommen oder die UNO-Initiative REED+ W?lder einzig als Kohlenstoffsenken betrachteten und die biophysikalischen Effekte aufs Klima nicht berücksichtigten.
?Auch ich habe gerne B?ume, aber wenn wir aufforsten, muss das systematisch, wissenschaftlich fundiert und mit einer globalen Perspektive geschehen?, so Fahrenbach.
Sie pl?diert deshalb für eine ?klimasmarte? Aufforstung und r?t, nur dort B?ume zu pflanzen, wo diese tats?chlich positive Effekte aufs Klimasystem haben – und niemals in Monokulturen, die besonders anf?llig für Krankheiten und Br?nde sind. Zudem betont die Klimawissenschaftlerin, dass sich der Klimawandel durch Aufforsten nicht aufhalten l?sst.
In den grossen Aufforstungsszenarios liesse sich die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 um maximal 0,25 Grad senken. Dieser Beitrag sei zwar wertvoll, aber im Vergleich zur notwendigen Kühlung der Erde begrenzt. ?Es führt kein Weg an einer drastischen und schnellen Senkung der fossilen Emissionen vorbei?, so die Forscherin.
Literaturhinweis
Fahrenbach NLS, De Hertog SJ, J?ger F, Lawrence PJ, Jnglin Wills RC: Reforestation scenarios shape global and regional temperature outcomes. Commun Earth Environ 2026, 7: 204, DOI: externe Seite 10.1038/s43247-026-03331-3