Chemiker der ETH Zürich haben einen Weg gefunden, um auch schwerl?sliche Proteine mit einem Laborroboter automatisiert herzustellen. M?glich macht das eine besonders reaktionsfreudige Bor-Verbindung. Die Methode er?ffnet neue Optionen für Protein-basierte Therapien gegen Krebs.
In Kürze
- Schwerl?sliche Proteine verklumpen leicht und liessen sich bisher im Labor nicht automatisiert herstellen.
- ETH-Chemiker:innen haben jetzt einen Weg gefunden, um auch schwerl?sliche Proteinteilstücke automatisiert zu vollst?ndigen Proteinen zu verknüpfen.
- Der Schlüssel zum Erfolg war eine Bor-haltige Verbindung, die Proteinfragmente viel schneller und damit auch in kleinen Konzentrationen verknüpft.
- Die Methode er?ffnet zahlreiche neue M?glichkeiten für gezielte Krebstherapien oder um nicht-natürliche Aminos?uren in die Proteine einzubauen.
Viele für die moderne Medizin und Wissenschaft wichtige Proteine sind nur schlecht l?slich. Dazu geh?ren beispielsweise zahlreiche Antik?rper oder alle in den Zellmembranen verankerten Rezeptoren, auf die rund 60 Prozent der aktuellen medizinischen Wirkstoffe zielen. ?berschreitet die Konzentration dieser Proteine einen gewissen Schwellenwert, verklumpen sie und verlieren ihre Funktionen.
Das Verklumpen verunm?glicht es, diese Moleküle im Labor automatisiert herzustellen. Da bei der Proteinproduktion mit spezialisierten Syntheserobotern immer mehrere Teilstücke zu einem vollst?ndigen Protein verknüpft werden müssen, reicht meist sogar ein einzelnes schwerl?sliches Proteinsegment, um die Herstellung zu blockieren. Die bisher bekannten Methoden, mit denen Chemiker:innen Proteinteilstücke verknüpfen, funktionieren n?mlich nur, wenn diese in vergleichsweise hohen Konzentrationen gel?st vorliegen.
Wissenschaftler unter der Leitung von Jeffrey Bode, Professor am Laboratorium für organische Chemie der ETH Zürich, haben jetzt einen Weg gefunden, über den sich auch schwerl?sliche Proteinteilstücke zu funktionierenden Proteinen verknüpfen lassen. Sie machten sich dabei die speziellen Eigenschaften einer chemischen Verbindung zunutze, die das Element Bor enth?lt.
Langsame Chemie setzt Konzentrationsgrenzen
Der grosse Unterschied der ETH-Methode zu den herk?mmlichen Vorgehensweisen besteht in der Geschwindigkeit der Verknüpfungsreaktion. W?hrend die Biochemie in den Zellen von Lebewesen dank Enzymen sehr schnell abl?uft, müssen derartige Reaktionen im Labor in der Regel stundenlang gerührt werden.
Diese Langsamkeit beschr?nkt auch den Konzentrationsbereich, in dem Chemiker:innen die Reaktionen im Labor nutzen k?nnen. Denn je langsamer eine Reaktion abl?uft, desto h?her muss die Konzentration der reagierenden Stoffe sein, damit sie planm?ssig funktioniert. Die neue Verknüpfungsmethode von Bodes Gruppe l?uft jedoch rund 1000-mal schneller ab und funktioniert deshalb auch bei 1000-mal kleineren Konzentrationen.
Bor er?ffnet neue M?glichkeiten
Die Beschleunigung der Reaktion gelang, indem die ETH-Chemiker:innen Bor-Atome in die Kohlenstoff-basierten Moleküle eingeführt haben. Diese kommen in natürlichen Molekülen nicht vor.
Das Halbmetall tanzt mit seinen Eigenschaften in vielerlei Hinsicht aus der Reihe. Verbindet es sich mit Metallen, sorgt es für ?usserst harte und hitzebest?ndige Metalllegierungen. Mit den Nichtmetallen Kohlenstoff, Sauerstoff oder Stickstoff l?sst es sich hingegen im Labor zu Molekülen mit oft ungew?hnlichen Reaktionseigenschaften verbinden. Der Japaner Akira Suzuki und der US-Amerikaner Richard Heck haben 2010 für die Entwicklung von Bor-basierten Kupplungsreaktionen zur Labor-Synthese von Naturstoffen den Nobelpreis für Chemie erhalten.
Bode erkl?rt: ?In der Elektronenhülle des Halbmetalls Bor gibt es einen freien Platz, den Nichtmetalle nicht haben. ?ber diese ?Lücke? k?nnen Elektronen von Nichtmetallen Bindungen eingehen. Das er?ffnet zus?tzliche Reaktionsm?glichkeiten. Und diese Reaktionen laufen h?ufig auch aussergew?hnlich schnell ab.?
Steiniger Weg zum S?ureschutz
2012 hat Bodes Forschungsgruppe erstmals gezeigt, dass eine Kohlenstoffverbindung, in der Bor mit Fluor zu einer neuartigen chemischen Gruppe kombiniert war, Proteinteilstücke ausgesprochen schnell und zuverl?ssig verknüpfen kann. Diese Verbindung war jedoch gegenüber starken S?uren nicht stabil. Deshalb konnte sie nicht in der automatisierten Synthese eingesetzt werden.
Damit die empfindliche Bor-Verbindung die harten Bedingungen im Laborroboter überstehen konnte, ben?tigte sie eine schützende chemische Verpackung. Der Weg dazu war jedoch steinig. Vier Jahre lang testeten die Forscher verschiedene Strategien – meist erfolglos.
Der Durchbruch gelang schliesslich durch Zufall, als ein Doktorand einen Weg prüfte, von dem das Team glaubte, dass er nicht funktioniert. Die daraus entwickelte Schutzverbindung nimmt die Bor-Gruppe nun von drei Seiten ?in die Zange?. So kann sie w?hrend der Herstellung der Proteine nicht durch die S?uren zersetzt werden.
Bode betont: ?Derart grundlegende Forschung, bei der wir ohne Aussicht auf Erfolg in ein unbekanntes wissenschaftliches Terrain vorstossen k?nnen, ist nur dank ungebundenen Mitteln des Schweizerischen Nationalfonds und der ETH m?glich.?
Nicht-natürliche Aminos?uren und Krebstherapien
Dank der ETH-Methode k?nnen nun verklumpungsanf?llige Antik?rper, Proteinmedikamente oder medizinisch wichtige Membranproteine mit Laborrobotern hergestellt werden.
Dazu kommt, dass sich an jeder gewünschten Position von schwerl?slichen Proteinen auch nicht-natürliche Aminos?uren mit speziellen Eigenschaften einführen lassen. Diese Bausteine k?nnen Chemiker:innen beispielsweise gezielt in ein Protein einbauen, wenn sie ihn an einer bestimmten Stelle mit einem Wirkstoff verbinden m?chten. Auf diese Weise hergestellte Antik?rper-Wirkstoff-Verbindungen werden unter anderem in Krebstherapien verwendet, die gesundes Gewebe nicht sch?digen.
Wie die Methode in der Klinik zum Einsatz kommen wird, steht noch nicht fest. Bode selbst hat 2020 das ETH-Spin-off Bright Peak Therapeutics mitgegründet, welches die in seiner Forschungsgruppe entwickelten Technologien nutzt, um Immuntherapien zur Bek?mpfung von Krebs zu entwickeln. Ein erstes Therapeutikum wird bereits klinisch erprobt. Die neue, Bor-basierte Methode k?nnte helfen, die Produktpipeline des Spin-offs weiter auszubauen.
Literaturhinweis
Schilling PE, Steiner S, Bode JW: Zwitterionic organoboron complexes for overcoming the concentration barrier in chemical protein synthesis. Science 2026, 391: 598, DOI:externe Seite 10.1126/science.aea7511