Torfseen im Kongobecken geben Jahrtausende alten Kohlenstoff ab

Sumpf- und Torfgebiete im Kongobecken haben über Jahrtausende enorm viel Kohlenstoff angereichert und gespeichert. Nun zeigt ein Forschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich, dass grosse Seen in diesem ?kosystem l?ngst begrabenen Kohlenstoff freisetzen. Das k?nnte sich langfristig auf das globale Klima auswirken.?

Ein Zusammenfluss von schwarzbraunem Wasser und rot gefärbtes Wasser
Am Zusammenfluss von Fimi und Kasa? in der Demokratischen Republik Kongo trifft schwarzbraunes Wasser aus Waldlandschaften auf das von Eisenoxiden rot gef?rbtem Wasser aus Savannenlandschaften.  (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich)

In Kürze 

  • Forschende decken erstmals auf, dass grosse Schwarzwasserseen in den ausgedehnten Torfgebieten des zentralen Kongobeckens uralten Kohlenstoff ausstossen.  
  • Bisher ging die Klimaforschung davon aus, dass der Kohlenstoff im Torf sicher für Jahrtausende gespeichert wird. 
  • Wie der Kohlenstoff aus dem Torf bis zum See mobilisiert und schliesslich als CO2 in die Atmosph?re entlassen wird, ist noch nicht bekannt. 
  • ?nderungen beim Klima und bei der Landnutzung, vor allem der Umwandlung von Wald in Kulturland, k?nnten den Trend verst?rken – mit Folgen für das globale Klima. 

Die riesigen Sumpf- und Torfgebiete der Tropen spielen im weltweiten Kohlenstoffkreislauf und damit für das globale Klima eine wichtige Rolle. Das Amazonasbecken, das Kongobecken und die tropischen Feuchtgebiete Südostasiens reichern Kohlenstoff in Form von abgestorbenem nicht zersetzten Pflanzenmaterial an und speichern dadurch rund 100 Gigatonnen Kohlenstoff.  

Einer der gr?ssten und wichtigsten dieser tropischen Kohlenstoffspeicher liegt im Kongobecken im Herzen Afrikas, mit dem m?chtigen Kongo-Fluss und seinen zahlreichen Nebenarmen. Die Sumpf- und Torfgebiete des Kongobeckens nehmen zwar nur 0,3 Prozent der Landoberfl?che der Erde ein, aber ein Drittel des in tropischen Torfgebieten gespeicherten Kohlenstoffs ist hier gelagert. 

Wie gross der Einfluss dieser Torf-?kosysteme auf den globalen Kohlenstoffkreislauf und das Klima ist, ist kaum erforscht, unter anderem deshalb, weil das zentrale Kongo-Becken nach wie vor nur schwer zug?nglich ist. Boote und Pirogen sind oft die einzigen Verkehrsmittel, um in die abgelegenen Sümpfe und Seen vorzudringen. 

Forschung st?sst auf ?berraschendes 

Trotz dieser Schwierigkeiten hat ein interdisziplin?res Forschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich in den vergangenen zehn Jahren das Kongobecken genauer unter die Lupe genommen. Dabei stiessen die Forschenden auf mehrere ?berraschungen, wie zum Beispiel einen der dunkelsten Schwarzwasserflüsse der Welt, den Ruki-Fluss (ETH-News berichtete).  

In der jüngsten Studie, die soeben in der Fachzeitschrift externe Seite Nature Geoscience erschienen ist, befassen sich die Forschenden erneut mit Wasser, das durch das Auslaugen von Pflanzenresten dunkel gef?rbt wurde: mit dem gr?ssten Schwarzwassersee Afrikas, dem Lac Mai Ndombe, und seinem kleineren Nachbarn, dem Lac Tumba – und stiessen wieder auf eine ?berraschung.  

Der Mai-Ndombe-See aus dem All.
Der Mai-Ndombe-See aus dem All.  (Bild: NASA)

Der Mai-Ndombe-See ist mehr als viermal so gross wie der Bodensee, sein Wasser sieht aus wie Schwarztee. Der See ist umgeben von ausgedehnten Sumpfw?ldern und fast unberührtem Tiefland-Regenwald, die auf der dicken Torfschicht wachsen. Organische Stoffe, die aus verrottendem Pflanzen- und Bodenmaterial der umgebenden Sumpf- und Tieflandregenw?lder ausgewaschen werden, f?rben das Seewasser dunkelbraun.  

Uralten Kohlenstoff freigesetzt 

Nun zeigen die Forschenden auf, dass die beiden Seen gr?ssere Mengen Kohlenstoff in Form von CO2 in die Atmosph?re ausstossen.  

Entgegen den Erwartungen der Forschenden stammt der Kohlenstoff aber nur teilweise aus in jüngster Zeit produzierter Pflanzenmasse. Bis zu 40 Prozent des Kohlenstoffs stammt aus Torf, der sich in den umliegenden ?kosystemen über Tausende von Jahren aufgebaut hat. Das zeigen Altersbestimmungen (Radiokarbondatierungen) des im Seewasser gel?sten CO2.  

?Dass über den See uralter Kohlenstoff freigesetzt wird, hat uns überrascht?, erkl?rt Erstautor Travis Drake, Wissenschaftler in der Gruppe Nachhaltige Agrar?kosysteme von ETH-Professor Johan Six. ?Der Kohlenstoffspeicher hat quasi ein Leck, aus dem uralter Kohlenstoff austritt?, erg?nzt Co-Autor Matti Barthel. 

Wie kommt der Kohlenstoff frei? 

Bis anhin ging die Forschung davon aus, dass Kohlenstoff, der im Torf des Kongobeckens gespeichert ist, über sehr lange Zeit gebunden bleibt und nur unter bestimmten Bedingungen, wie langanhaltende Trockenheiten freikommt.  

Noch ungekl?rt ist, wie der Kohlenstoff aus den nicht abgebauten Pflanzenresten mobilisiert wird. Auch auf welchen Wegen der Kohlenstoff ins Seewasser gelangt, ist noch unbekannt.  

Für die Forschenden ist deshalb entscheidend herauszufinden, ob die Freisetzung von altem Kohlenstoff einen destabilisierenden Wendepunkt anzeigt oder einen natürlichen Gleichgewichtszustand, der durch neue Torfablagerungen ausgeglichen wird. 

Droht das Trockenfallen der Torfgebiete? 

Dass alter Kohlenstoff freigesetzt wird, k?nnte auf ein gr?sseres Problem hinweisen: dass Umwelt?nderungen, die durch den Klimawandel angestossen werden, zu einer Kettenreaktion führen.  

Wird das Klima beispielsweise trockener, k?nnte mehr Kohlenstoff mobilisiert werden, weil das Torf ?fter und über l?ngere Zeit trockenf?llt und Sauerstoff in tiefere Torfschichten gelangt. Dies f?rdert den Abbau von einst stabiler organischer Materie durch Mikroorganismen, mit Folgen für das globale Klima, da vermehrt CO2 aus diesem riesigen Kohlenstoffspeicher in die Atmosph?re gelangt.  

?Unsere Resultate helfen, globale Klimamodelle zu verbessern, denn tropische Seen und Feuchtgebiete sind darin bisher vernachl?ssigt worden?, sagt Six. 

Wasserstand beeinflusst Ausgasung massiv 

Neben der Untersuchung des Alters und der Herkunft des ausgegasten CO2 untersuchten die Forschenden auch die Emissionen von zwei weiteren wichtigen Treibhausgasen aus dem Mai Ndombe-See, dem Lachgas und Methan. 

In dieser parallelen Studie, die erst als externe Seite Preprint ver?ffentlicht wurde, fanden die Forschenden heraus, dass beispielsweise der Wasserstand einen starken Einfluss darauf hat, wie viel Methan in die Atmosph?re entweicht.  

Je h?her der Pegelstand des Sees, desto effektiver bauen Mikroorganismen Methan ab. Ist der Pegel tief(er) wie in der Trockenzeit üblich, wird Methan weniger stark abgebaut und entweicht in gr?sseren Mengen aus dem See.  

?Wir befürchten, dass der Klimawandel auch dieses Gleichgewicht aus dem Lot bringt. Werden Trockenheiten l?nger und intensiver, k?nnten die Schwarzwasserseen dieser Region zu bedeutenden Quellen von Methan werden, die das globale Klima beeinflussen?, sagt ETH-Professor Jordon Hemingway, der an der Studie beteiligt ist. ?Wann der Kipppunkt erreicht ist, wissen wir derzeit nicht.? 

Bildergalerie

Der Wissenschaftler Pengzhi Zhao bereitet sich auf einen weiteren Tag der Probenahme vor. Weil die meisten Orte auf dem Landweg fast nicht erreichbar sind, verwendeten die Forschenden auf ihrer Expedition zum Kasa?-Flussbecken in der Demokratischen Republik Kongo kleine Dinghy-Boote. (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich) Die Forschenden entnehmen mit dem Van-Dorn-Probenehmer Wasserproben aus der Tiefe. Das Ger?t wurde an der ETH Zürich hergestellt. Ist der Probenehmer auf der gewünschten Tiefe angekommen, wird ein manueller Ausl?ser bet?tigt, wodurch beide Enden zuschnappen. (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich) Rückkehr zum Hauptboot nach einem langen Tag der Probenahme. (Bild: Travis W Drake) Doktorandin Lissie de Groot bereitet Flaschen für die sp?tere Entnahme von Treibhausgas vor. (Bild: Travis W. Drake) Die abgelegenen Orte, wie beispielsweise der Mai-Ndombe-See, wurden haupts?chlich mit dem Boot erreicht. (Bild: Kristof Van Oost) Typischer m?andernder kleiner Bach des ausgedehnten Kongo-Flusssystems. (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich) Ein kleiner Waldbach mündet in einen gr?sseren Fluss. (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich) Aufgrund der Gefahr, dass gr?ssere Boote bei hohen Windgeschwindigkeiten kentern k?nnten, verwendeten die Wissenschaftler:innen für die Probenahme auf dem Mai-Mdombe-See kleinere Boote. (Bild: Travis W. Drake) Der Name Mai Ndombe bedeutet in der lokalen Sprache ?schwarzes Wasser?, was an der Bugwelle gut erkennbar ist. (Bild: Travis W. Drake) Das Forschungsschiff pflügt sich durch das rostrot gef?rbte Wasser des Kasa?-Flusses. (Bild: Matti Barthel / ETH Zürich)

Landnutzungs?nderung k?nnte gravierend sein 

Doch nicht nur der Klimawandel k?nnte sich auf das Gleichgewicht auswirken. Noch gravierender k?nnten Landnutzungs?nderungen sein. Sch?tzungen zufolge wird sich die Bev?lkerungszahl der Demokratischen Republik Kongo bis ins Jahr 2050 verdreifachen. Um Kulturland zu gewinnen, werden die Menschen künftig mehr Wald roden.  

Die Entwaldung f?rdert wiederum die Trockenheit, was den Seepegel dauerhaft tief halten k?nnte. ?Wir alle kennen die Analogie: W?lder sind die grüne Lunge der Erde?, sagt Barthel. ?Sie sind jedoch nicht nur für den Gasaustausch verantwortlich wie die Lunge, sondern sie verdunsten über ihre Bl?tter Wasser und reichern damit die Atmosph?re mit Wasserdampf an. Das f?rdert die Wolkenbildung und den Niederschlag, der wiederum Flüsse und Seen speist. ? 

Die Ergebnisse helfen, die Rolle tropischer Torfgebiete und Schwarzwasserseen im globalen Klimageschehen zu kl?ren. Zudem ist die Forschung wichtig, um Strategien zur Reduktion von Treibhausgasen und den Schutz von Feuchtgebieten im Kongobecken und rund um den ?quator zu entwickeln. 

Diese Studien wurden im Rahmen des von der ETH geleiteten und vom Schweizerischer Nationalfonds finanzierten Projekts TropSED zusammen mit Wissenschaftler:innen der Universit?t Louvain in Belgien sowie aus der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt. 

Literaturhinweise

Drake TW, et al. Millennial-aged peat carbon outgassed by large humic lakes in the Congo Basin, Nature Geoscience (2026), doi: externe Seite 10.1038/s41561-026-01924-3

Barthel M, de Clippele A, de Groot LW, et al. Constraining greenhouse gas cycling and emissions in Africa's largest humic lake. ESS Open Archive, June 27, 2025. DOI: externe Seite 10.22541/essoar.175105619.92296350/v1

 

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